Object: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die Theorie der Wahrnehmung. 
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gung, alle Differenzen des einheitlichen Stoffes in Grade der 
Verdichtung und Verdünnung auf, wie sie durch die Wirkung 
des Warmen und Kalten in vielfältiger Abstufung erzeugt werden, 
So ist denn auch die Empfindung nur dadurch möglich, dass 
eine äusserlich existierende Bewegung von bestimmter Eigenart 
und Geschwindigkeit auf die seelische „Substanz“ fortgeleitet und 
übertragen wird. Aristoteles hatte das Denken allgemein als eine 
„Berührung“ des voic mit dem Gedachten geschildert: jetzt wird 
diese Bestimmung weiter gefasst und voller sinnlicher Ernst mit 
ihr gemacht. Alle Arten des Erkennens sind nur spezielle Weisen 
der Tastwahrnehmung und durch räumliche Annäherung 
des Objekts an den „Geist“ bedingt. Dieser ist somit, da er die 
körperlichen Bewegungen unmittelbar in sich aufnimmt, selbst 
durchaus körperlich zu denken: er wird als eine feine und dünne 
Substanz und gleichsam als ein elastisches Medium beschrieben, 
das jede Schwingung, die von aussen an es herantritt, nachahmt 
und fortpflanzt. Auf die nähere Ausgestaltung dieser Grundan- 
schauung ist besonders die Stoa und ihre Lehre vom Pneuma 
von Einfluss gewesen. Die Dinge wirken auf uns, nach dem Grad 
ihrer Mischung von Wärme und Kälte, durch Ausdehnung und 
Zusammenziehung dieses subtilen Stoffes („spiritus‘), der, wenn- 
gleich nicht sichtbar, dennoch durch das gesamte Nervensystem 
stetig verbreitet gedacht werden muss. Die Frage, wie die ver- 
schiedenartigen Bewegungen des seelischen Grundstoffes auch als 
solche zum Bewusstsein kommen, wie sie auf einander bezogen 
und zur Einheit zusammengefasst werden, wird hierbei nicht ge- 
stellt. Durch die naive Annahme der allgemeinen Beseelung' des 
Stoffes wird von Anfang an jede Reflexion, die sich hierauf richten 
könnte, abgeschnitten. Die Gesammtanschauung, die Telesio zu 
Grunde legt, lässt sich daher im strengen Sinne noch nicht ein- 
mal als „Materialismus“ bezeichnen: denn wo die Bewusstseins- 
f[unktion logisch noch nicht selbständig herausgehoben ist, wo 
sie noch unmittelbar mit den körperlichen Dingen verschmilzt, 
da fehlt die erste Voraussetzung, um nicht nur die Eigenart des 
Seelischen, sondern selbst, den reinen Begriff der Materie im 
wissenschaftlichen Sinne zu bezeichnen. 
Zunächst spricht sich nun der Vorrang der geistigen Sub- 
stanz nur darin aus, dass sie imstande ist, die Bewegungen, die ein-
	        
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