Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

312 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitei. 
Grunde gegen seine Mutter! Da wurde es denn freilich der 
Kaiserin nicht leicht, einen Einfluß, den Erfolg und Persön— 
lichkeit wahrlich in gleicher Weise rechtfertigten, in befriedigender 
Weise weiter zu üben. Immer mehr ist sie von den Ge— 
schäften zurückgetreten, nunmehr in Fürsorge für ihre zahl— 
reiche Familie aufgehend, schließlich eine wenn auch immer 
noch jugendliche Patriarchin mehr ihres Geschlechtes als des 
Staates. In diesem letzten Stadium aber ihres Lebens taucht um 
so mehr in ihr das rein Menschliche empor. Nicht ohne allerlei 
Schlacken zu hinterlassen, leuchtet in ihr zentral, als das 
eigentlich Bestimmende ihres Wesens, das milde Feuer einer 
katholisch bestimmten Frömmigkeit. Aber sie verbindet diese 
leitende Eigenschaft, eine Mitgift wohl des habsburgischen 
Wesens, mit einer edlen Menschlichkeit, die, wie das ganze 
Äußere ihrer schönen Erscheinung, ein Erbteil von mütterlicher 
Seite her, ein braunschweigisches Erbstück war. Und diese 
Eigenschaft war es, die den Zeitgenossen zunächst am ent— 
schiedensten und weithin fesselnd entgegentrat. Mit ihr hat 
sie das Wiener Leben durchsonnt und auf jene vornehme 
muntere Freudigkeit eingestimmt, die uns aus den Werken 
Haydns entgegentönt. Sie war es, die Friedrich der Große 
in der monumentalen Grabschrift anerkannt hat, welche der Satz 
eines seiner Briefe an d'Alembert nach dem Tode der Kaiserin 
enthält: „Sie hat dem Thron Ehre gemacht und ihrem Ge⸗ 
schlecht. Ich habe Krieg gegen sie geführt und bin niemals 
hr Feind gewesen.“ Und sie war es, die auch Klopstock pries, 
indem er das Urteil der Nation in die schönen Worte goß: 
Schlaf' sanft, du Größte deines Stammes, 
Weil du die Menschlichste warst. 
In den sechziger und auch noch den beginnenden siebziger 
Jahren indes des Jahrhunderts wirkten Joseph II. und Maria 
Theresia innerhalb der deutschen Dinge wenigstens insofern 
noch glücklich zusammen, als die Mutter Friedrich den Großen 
anzuerkennen begann, während der Sohn ihn begeistert schätzte. 
Und dies war die Grundlage gleichsam, auf der sich die inner—
	        
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