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zu solchen Scharen angewachsen, dass sie eine allgemeine Landplage
wurden, und auch der Mensch den Raubvögeln‘ zu Hilfe kommen
musste, um sie durch Abschiessen zu deeimieren.
So tritt überall der blutige Kampf um das Dasein hervor nach dem
Bürgerschen Liede: „denn ich bin gross und du bist klein“, wodurch das
äberlegenere, den Verhältnissen besser angepasste Element sich zur
Geltung bringt und für die Zukunft eine immer grössere Bedeutung zu
Der Kampf gewinnen vermag.
um das Ganz ähnlich sind die Verhältnisse nun bei den Menschen. Auch
A von diesen vermag das Elternpaar drei und mehr Kinder zu erzielen
* und gross zu ziehen, die dann wieder dieselben Eigenschaften besitzen
und deshalb gleichfalls eine grössere Zahl als zwei ins Leben zu rufen
vermögen. Die durchschnittlich vorhandene physische Fähigkeit liegt
hier ebenso, wie bei den höheren Säugetieren vor und in derselben
Weise der Trieb, von derselben Gebrauch zu machen. Bei den primi-
tiven Völkerschaften entwickelt sich dann allgemein das rücksichts-
loseste Verfahren, die Vermehrung hintan zu halten, sobald sich eine
Differenz zwischen der Menschenzahl und den Unterhaltsmitteln her-
ausstellt; und je weniger die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit entfaltet
ist, um so früher. erreicht nach dem früher Gesagten die Volksdichtig-
keit die Grenze, wo die Ernährung auf Schwierigkeiten stösst. Die
Massregeln, die dann Platz greifen, sind verschieden geartet; aber überall
kommt die grösste Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit zur Geltung,
Wo es sich wie bei den Jägervölkern um die Erlangung neuer Jagdgründe
handelt, werden Vertilgungskriege geführt, um die benachbarten und
zonkurrierenden Stämme zu verdrängen, und durch dieselben wird die
Völkervermehrung hintan gehalten. Die Besicgten, soweit sie mit dem
Leben davon kommen, müssen andere Gegenden aufsuchen. Es ist be-
sannt, dass die wilden Völkerschaften allgemein durch dieseKämpfe fort-
Jlauernd ‚decimiert werden. Aher abgesehen davon greifen innerhalb der
Familie Massregeln Platz, um diejenigen Mitglieder zu beseitigen, die sich
nicht selbst zu unterhalten vermögen, sondern den übrigen zur Last
fallen. Bei den Indianern war es allgemeiner Usus, dass die Alters-
schwachen getödtet wurden, und zwar mit deren Zustimmung, unter
grosser Feierlichkeit in der Hoffnung, dass die getöteten Greise in den
weiten Jagdgefilden des Jenseits wieder in verjüngter Kraft erstehen
und dem Waidwerk obliegen würden.
Im klassischen Altertume war das Aussetzen der Kinder an der
Tagesordnung und zwar nicht nur der körperlich Schwachen, sondern auch
derjenigen, die von den Eltern nicht gewünscht und als eine Last
empfunden wurden, Das ist noch jetzt in China nichts aussergewöhn-
liches und bei den wilden Völkern fast allgemein beobachtet. Ja es
wird vielfach in solcher Ausdehnung betrieben, dass dadurch eine Re-
duktion der Volkszahl zu beobachten ist. Vorzugsweise pflegen es
Mädchen zu sein, die bald nach der Geburt getötet werden, in Zeiten
der Not aber auch die Knaben.
Eine prinzipielle Aenderung in dieser Auffassung hat erst das
Christentum herbeigeführt, das die Achtung vor einem jeden Menschen
als solchem gebot. In ganz Mitteleuropa stiess es aber auf die grössten
Schwierigkeiten, die Völker, welche die Kindertötung für unumgänglich
notwendig hielten, um die Gesamtheit vor Elend zu bewahren, davon