Neue Anschauungen von Staat und Gesellschaft. 25
gedrungen, der ein Handeln, ja auch nur Vors chläge zum Handeln
gestattet hätte?
Was schließlich geschichtlich deutlicher gewonnen wurde,
war doch nur das Bewußtsein des Abstandes der Gegenwart
von klassischem Altertum und von deutscher Urzeit. Und auch dies
zunächst nicht auf Grund eingehender Forschungen und somit
realistisch, sondern aus einem Gefühl heraus, das sich so oft
in hohen Kulturen findet: aus der Sehnsucht her nach dem
goldenen Zeitalter minder belasteter Kulturen gegenüber der
geschichtlichen Überlastung der eigenen Tage. Denn gewiß
gibt es ein menschliches Glück, das in dem einfachen Gefühl
nur des Daseins besteht; und der geschichtslose Mensch ist es,
der es von Natur aus mit allen Lebewesen teilt. Aber die
Ideale des Menschen liegen über diesem Zustande in den Fernen
einer hohen Kultur: und um sie zu erreichen, hat er eine An—
zahl von Kulturzeitaltern zu überwinden, deren jedes, nur relativ
vollkommen, einerseits die Sehnsucht nach dem goldenen Zeit—
alter der Unkultur, anderseits nach den Graden höherer Voll—⸗
endung weckt.
Um die Mitte des 18. Jahrhunderts ging aus diesem
Mischgefühl, soweit es sich rückwärts wandte, ein Doppeltes
hervor: die Schwärmerei für die Antike, für das Heldentum
eines herben Republikanismus, und die noch stärkere Be—
geisterung fur das Germanentum und die anscheinend noch
rauheren, noch deutscheren Gestalten der frühesten uns bekannten
nordischen Welt.
Und aus beiden Motiven her bildete sich dann, zuerst bei
Klopstock, ein Bereich politischer Gefühle, der anfangs wesent⸗
lich auf den Kult der Einzelgestalt, des Einzelmenschen
hinauslief: politisch betrachtet sozusagen ein gefühlvoller An⸗
archismus. Er lebt in zahlreichen Oden und Dichtungen
Klopstocks, und ihm steht die herbste Kritik der politischen
Gegenwart gegenüber, der, ganz folgerichtig, eigentlich nur die
Heldengestalten entgehen. Aus diesem Zusammenhange ergibt
sich denn auch die merkwürdige Stellung Klopstocks zu Friedrich
dem Großen; er haßt sein Franzosentum, er haßt auch seinen