47
der Sittlichkeit" meldete sich Mitte September 1892 ein Mädchen zur
Aufnahme in das dortige Magdalenenstift. Aus dem bei ihr vor
gefundenen Einnahme- und Ausgabebuch des Bordells wurde fest
gestellt: 1. kein Nachlassen in den Einnahmen während der ernstesten
Cholerazeit; 2. eine Einnahme des Mädchens vom 1. März bis
9. September von 3500 Mk. Werden diese Einnahmen bei 1000
Dirnen vorausgesetzt, so fließen für sie allein 7 Millionen Mark.
Die Bordelle sind wahre Lodderbetten für die tollsten Aus
schweifungen einer widernatürlichen Wollust. Die geschlechtlichen
Perversitäten, in denen einst die wahnsinnigen Kaiser Roms
schwelgten, feiern ihre Auferstehung un den Häusern, die eigentlich
recht wenig Kaiserliches an sich tragen. Ein Psychiater dürfte in
manchen Bordellen ein lebendes Museum aller typischen Formen der
Entartung des Geschlechtstriebes entdecken.
Alles, was an Menschentum in den niedergebeugten, ent
würdigten Prostituierten noch steckt, bäunit sich übrigens gegen das
Bordellwesen auf. Im Westen Europas strebt mit aller Energie
das unglückliche Dirnentum aus den Bordellen hinaus. Im Jahre
1841 hatte das über einmillionenköpfige Paris nach Fiaux noch
235 Bordelle mit 1420 reglementierten Prostituierten, das über
dreimillionenköpfige Paris (3,6 Mill. Einw.) des Jahres 1900 wies
nur noch.48 Bordelle mit 504 reglementierten Dirnen auf. Ja selbst
im Osten Europas, in Petersburg, ging nach Ströhncherg von 1879
bis 1888 die Zahl der Bordelle von 206 auf 45 herab. Je glühender
sich in dem aufstrebenden Weib das Gefühl der Gleichberechtigung
mit dem Manne regen wird, je kräftigere Wärmestrahlen werden
von dieser Empfindung auch auf das noch zu Boden getretene Weib
übergehen.
II. Das System der Bordell st ratzen.
Das Geklirr von Sklavenketten, das so vernehmlich aus den
Bordellen hervordringt, schallt auch aus dem sogenannten Kaser-
nierungssystem der Prostitution heraus. Man spricht von dem
Kasernierungssystem der Prostitution bezeichnenderweise auch als
von einem System von „Bordellstraßen".
Die Bordellstraße schlietzt die Prostituierte schon räumlich von
der übrigen bürgerlichen Welt ab. Diese räumliche Abschließung
der Prostituierten läßt sich nun höchstens annähernd in einigen noch
leicht zu überwachenden Mittelstädten durchführen. So öffnete sich
1903 in Karlsruhe nach einer Mitteilung der dortigen Stadtver
waltung an die „Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung der Ge
schlechtskrankheiten" nur eine Straße dem Hrostitutionsverkchr.
Besonders lobend sprach sich die Polizeiverwaltung vön Hildesheim,
über die Regelung der Prostituiertenwohnungsfrage durch die
Kasernierung der Prostitution aus. „Es ist ferner," heißt es in dem
Bericht der Polizeiverwaltung, „die Zahl der Straßen, deren Be
wohnen noch gestattet sein soll, immer geringer geworden (Gebrauch