11. Kapitel. Beeinflussung der Arbeitsbedingungen durch Koalitionen. 277
noch wirken, kann keinen Augenblick geleugnet werden, wenn man
auch nicht in das übertriebene Lob einstimmen kann, das namentlich
den englischen Trade Unions eine Zeitlang in Deutschland gespendet
wurde. Aber es fehlt — auch in England — keineswegs an erfolg
loser und an nachteiliger Betätigung von Berufsvereinen. Menschen
und Verhältnisse sind eben auch innerhalb desselben Landes nach
Art und Beruf sehr verschieden, und die Voraussetzungen des Er
folges sind deshalb sehr ungleich. In England waren im allge
meinen die Voraussetzungen durch die politischen Zustände, die viel
verbreitete Abneigung gegen doktrinäres Vorgehen, die besonderen
Verhältnisse eines in starkem wirtschaftlichen Aufschwung begriffenen
Inselreiches usw. trotz der Schranken der Koalitionsfreiheit günstiger
als in anderen Ländern. Gleichwohl bezeichnet Schmolleb in seinem
Jahrbuch (1901, S. 313 bei Besprechung des WEBsschen Buches Indu
strial democracy, London 1897, die Gewerkvereine als „eine Form,
deren Ausgestaltung die größten Schwierigkeiten bietet, die selbst in
England nur in wenigen Beispielen wirklich vollendet funktioniert,
auch hier noch sich zu vervollkommnen hat“. Eine kritiklose Über
tragung günstiger Erfahrungen, die in England mit Gewerkvereinen
gemacht sind, auf andere Länder mit anderen wirtschaftlichen und
politischen Verhältnissen und mit anderen Volksgewohnheiten und
-Charaktereigenschaften ist vollends verkehrt. Ist schon die nationale
Arbeiterschaft eines Landes keine einheitliche kompakte Masse, so ist
es die internationale Arbeiterschaft noch viel weniger, und deshalb
können gleiche Mittel nicht überall gleich wirken.
Was einer dem Gesamtwohle förderlichen Tätigkeit der Arbeiter
berufsvereine besonders hinderlich war und ist, das ist bei den jüngeren
englischen und noch mehr bei der Mehrzahl der festländischen Ge
werkvereine deren Übergleiten aus dem Charakter eines rein wirt
schaftlichen Vereines, der vornehmlich auf friedlichem Wege eine Bes
serung der Arbeitsbedingungen erstrebt, in den eines politischen
Vereins, der den Kampf um bessere Arbeitsbedingungen proklamiert
und diesen Kampf vor allem als ein Mittel zur Vorbereitung eines
großen und umfassenden Klassenkampfes ansieht. Es ist unmöglich,
den bedeutenden Unterschied zu übersehen, der zwischen beiden Arten
besteht. Der Berufsverein mit friedlichen Tendenzen kann zwar irren
im Ausmaß seiner Forderungen und dadurch den Arbeitern Enttäu
schungen und den Arbeitgebern Ungelegenheiten bereiten. Aber er
ist seinem Wesen nach nicht geeignet und nicht im stände, die Grund
lagen der heutigen gesellschaftlichen und staatlichen Zustände zu zer
stören. Denn er erkennt diese Grundlagen von vornherein an und
sucht von ihnen aus eine organische Aufwärtsentwicklung zu erreichen.
Gut organisiert und verständig geleitet, kann er die Durchführung