Object: Lebenserinnerungen

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war natürlich Theodor Ltorm. Ich habe aber bei aller Anerkennung, 
fa Bewunderung feiner Kunst ein engeres persönliches Verhältnis 
zu ihm nicht gefunden. Dabei must ich eines drolligen Lrlebniffes 
gedenken, das, fooiel ich weist, keine Ltormbiographie erwähnt. 
Der fehr musikalische Dichter war Leiter eines gefangvereins von 
Herren und Damen und machte die Lache ausgezeichnet; alles 
philisterhafte war ihm dabei gründlich zuwider, Nun entwarf er 
ein Programm für ein Konzert, deffen Lchlust nach ernsten Dar 
bietungen auch das harmlofe Ltudentenlied „Qls wir jüngst in 
Kegensburg waren" bilden follte. Qis aber die Probe begann, er 
klärten die Damen oder doch ihre Mehrzahl, das Stücf wäre un 
moralisch, und weigerten sich es aufzuführen. Das verfetzte Ltorm 
in einen begreiflichen Zorn. £r meinte, dast könne man ihm doch 
zutrauen, nichts Unpassendes darzubieten. Die Damen beharrten 
auf ihrer Weigerung, das Konzert begann, ganz Hufum war aufs 
höchste gefpannt, wie die Lache verlaufen werde. Das letzte Ltück 
begann, und — sämtliche Damen verliesten das Podium. Nun erhob 
stchLlorm und erklärte, erlege die Leitung diefes Vereins nach folcher 
Behandlung nieder. Die Damen beharrten auf ihrem Ltandpunkt 
und haben dann einen Mann aus Berlin zur Leitung berufen. 
Diefer ist aber, foviel ich weist, nur einige Wochen in Hufum ge 
blieben und dann wieder abgereist. Nun triumphierten die Treundc 
von Ltorm, Hufum war gefpalten, fchliestlich legte sich diegeistlichkeit 
ins Mittel. Der fehr beliebte und tüchtige Propst Lafpers hat die 
Häupter der Parteien zu einem freundschaftlichen Mittageffen 
eingeladen; dort wurde die Lache geschlichtet und Ltorm blieb 
Leiter. 
Inzwischen ging meine philofophifche Arbeit ununterbrochen 
fort. Meine Differtation forderte eine Lrgänzung durch eine Unker- 
fuchung des gebrauchs der Präpositionen bei Aristoteles, wobei es 
mir gelang, einen gewiffen Abschnitt der aristotelischen Meta 
physik als unecht zu erweisen; diese Lchrift ist im Verlage von Weid 
mann 1868 erschienen. Zugleich beschäftigten mich weitere Quf- 
gaben. Ich plante schon damals eine Untersuchung über die 
wissenschaftliche Methode der aristotelischen Philosophie. Zugleich 
habe ich viel über die grosten Kulturprobleme der gegenwart nach 
gedacht, und es ist mir noch fetzt deutlich gegenwärtig, wie 
ich in einem gefpräch mit meiner Mutter schon damals die un 
geheuren gefahren darlegte, welche die Kultur der gegenwart 
durch den ihr innewohnenden gegenfatz bedrohen. Zunächst freilich 
fesselte mich die strengwiffenfchaftliche Arbeit. Willkommene Unter 
brechungen und geistige Lrweiterungen brachten Keifen nach Ham 
burg und Umgebung, nach der ostholsteinifchcn Lchweiz und nach 
Lübeck. In Holstein erfreuten uns die wundervollen Buchen-
	        
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