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Zunftgesetzgebung gerufen, und die neueren Zwangsinnungen stellen,
wie noch. zu zeigen sein wird, in gewissem Umfange zugleich Zwangs-
kartelle dar.
Auch hinsichtlich der Organisation .der Industrie ist der Ge-
danke an Zwangskartelle schon älteren Datums. Es ist von Inter-
esse, darauf aufmerksam zu machen, daß von Zeit zu Zeit immer
wieder derartige Vorschläge gemacht worden sind. Ich stelle sie im
folgenden zusammen, da eine solche Übersicht bisher wohl noch
nicht gegeben ist. Es ist aber gleich darauf aufmerksam zu machen,
daß diese Vorschläge keine praktische Wirkung gehabt haben, ja
daß sie s. Z. kaum beachtet wurden *).
Schon das 1883 erschienene Buch von Kleinwächter tritt
für die allgemeine Schaffung von staatlich regulierten Zwangskar-
tellen ein; ja man kann wohl sagen, daß diesen Verfasser —
wie schon der Untertitel des Buches „Ein Beitrag zur Organi-
sation der Volkswirtschaft“ hervorhebt — die Kartelle vor allem
deshalb interessieren, weil er in ihnen ein geeignetes Mittel zu einer
neuen Organisation der Volkswirtschaft sieht. In weitausholenden
Betrachtungen stellt er sich auf den Standpunkt, daß das Wirtschafts-
leben stark reformbedürftig sei; er verwirft die sozialistische Forde-
rung auf Abschaffung des Privateigentums und tritt statt dessen für
eine planmäßige Regulierung des Wirtschaftslebens
durch den Staat ein. „Der sog. anarchische Zustand der heutigen
Produktion, d. i. die ewigen mit einer gewissen Regelmäßigkeit
wiederkehrenden Produktions- und Absatzkrisen sind die notwendige
Folge des gänzlichen Mangels einer auch nur einigermaßen genü-
genden Organisation unserer Volkswirtschaft. Unsere gesamte Pro-
duktion ist eine planlose, die jeglicher einheitlicher Leitung voll-
ständig entbehrt“ (S. 81). „Die ungeregelte Volkswirtschaft repräsen-
tiert eine ungeheuere Verschwendung von Arbeitskräften und Pro-
duktionsmitteln. Diese Verschwendung läßt sich allerdings nicht
ziffernmäßig feststellen, allein so viel ist evident, daß man bei einer
planmäßigen Verwendung der vorhandenen Produktivkräfte viel
größere Resultate erzielen könnte als dies heute der Fall ist“ (S. 94).
Diesem anarchischen Zustand des modernen Wirtschaftslebens
stellt Kleinwächter die mittelalterliche Organisation, insbesondere
die Zünfte als leuchtendes Vorbild gegenüber. „Der anarchische Zu-
stand ist kein solcher, der infolge eines unabänderlichen Naturge-
ıy Bei den Kartellverhandlungen des Vereins für Sozialpolitik in Wien (1894)
und Mannheim (1905) sowie denen des Deutschen Juristentags in Berlin (1902) und
Innsbruck (1004) wurden diese Anregungen überhaupt nicht erwähnt.