Object: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 198 
werker lieferte frür den Kunden, und der Wert des beweglichen 
Besitzes mag schwerlich mehr als ein Viertel des unbeweglichen 
betragen haben. Dennoch aber lebten in dieser Kleinwelt fast 
überall geistig bewegte Elemente, der Pfarrer, der Apotheker, 
der Richter, auch wohl der Bürgermeister: Elemente, die 
Goethes Hermann und Dorothea in einem konkreten Falle 
zwar nicht vollständig, in der gegebenen Auswahl aber mit 
unübertrefflicher Treue gezeichnet hat. 
Diese ganze Masse setzte sich nun seit spätestens etwa 1740 
in Bewegung. Nur schwer ist dabei ihr sozialer Fortschritt im 
einzelnen zu verfolgen; unmerklich für uns schreitet sie und 
doch wuchtig vorwärts, so wie Gletscher fließen. Denn sie hat 
noch keine Zeit, Denkwürdigkeiten zu hinterlassen; ihr Leben 
heißt Arbeit, und so bleibt sie geschichtslos, wie einstmals die 
Anfänge der Karlinge oder der Ottonen oder die ersten Zeiten 
des fruhmittelalterlichen Bürgertums fast geschichtslos geblieben 
sind. Aber wenn von irgendeiner Gemeinschaft der deutschen Ge⸗ 
schichte, so gilt von ihr, daß man sie an ihren Früchten erkennen 
soll. Goethes Urgroßvater ist Hufschmied gewesen, sein Groß⸗ 
vater Schneider, dann Wirt mit schon etwas höfisch-bürgerlichen 
Manieren, sein Vater, wieder mehr kleinbürgerlich gesinnt, 
war kaiserlicher Rat und heiratete eine Tochter aus der bürger— 
lichen Aristokratie: nur nebenher aus dem alten vornehmen 
Buͤrgertum, der Hauptsache nach von Ahnen des Mittelstandes 
kam der Dichter her. Schillers Vater war Wundarzt, später 
Major; sein Großvater, Urgroßvater, Ururgroßvater sind 
Bäcker gewesen. Und gleichen sozialen Ursprungs waren, in 
hald naher und nächster, bald fernerer Beziehung zu Hand— 
werk und mittlerem Beamtentum: Schubart, Bürger; Winckel⸗ 
mann, Heyne; Herder, Kant; Friedrich August Wolf, Fichte 
und tausend andere. Aber noch stärker als die bloße Mit— 
gift des Blutes und der sozialen Haltung erwies sich in diesen 
Kreisen die gleiche geistige Mitgift: die Richtung auf das 
Große fernab von kleinlichen Forderungen des Tages, der 
Zug zum Unbedingten einer neuen Zeit, das enthufiastische 
Streben nach unbekannten Idealen.
	        
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