Object: Die deutsche Wirtschaft

Die außenpolitischen Aufgaben der Wirtschaft, 513 
Die Arbeiterlöhne sind im allgemeinen um 30 % höher als vor dem 
Kriege; das entspricht der Verringerung der Kaufkraft des Geldes, 
Allerdings hat eine öde Gleichmacherei die Löhne des Landes denen 
der Stadt, die der Ungelernten denen der Gelernten, die der Weiblichen 
denen der Männlichen in überaus bedenklicher Weise angenähert und 
die der Jugendlichen gegen früher stark erhöht. Aus der Textilindustrie 
— früher unsere weitaus bedeutendste Exportindustrie — wird bitter 
geklagt, daß die Löhne der in ihr vorzugsweise beschäftigten weiblichen 
Arbeitskräfte die der Vorkriegszeit um nahezu 75 % überstiegen., Der 
furchtbare Rückgang unserer diesbezüglichen Ausfuhr habe in erster Linie 
darin seinen Grund, zumal die Leistung keine Steigerung, sondern über- 
wiegend einen Rückgang erfahren habe. Über letzteres klagt auch der 
Bergbau, Auch bei der 8%stündigen Schicht einschließlich Ein- und Aus- 
fahrt, die die Gewerkschaften wieder um 17% Stunden verkürzen wollen, 
ist die Förderleistung trotz wesentlicher Verbesserung der maschinellen 
Ausrüstung auf drei Viertel der früheren zurückgegangen. In den Eisen- 
hütten war sie während der Ersetzung des Zweischichten- durch das 
Dreischichtensystem sogar auf die Hälfte gesunken, hat sich aber nach 
Rückkehr zum ersteren wieder auf die Vorkriegshöhe gehoben. Im 
Hamburger Hafenbetrieb ist der Stundenlohn von 60 Pfg. vor dem 
Kriege auf 78,75 Pfg. im Februar 1925, d. i. um 31,25 %, gestiegen, 
während der dortige Lebenshaltungsindex sich nur um 24,13 % erhöht 
hat. Die Leistung pro Mann und Schicht ist aber von 11,5 auf 8,4 t, also 
fast um 27 %, gesunken. In der bayerischen Industrie waren die Löhne 
vom 7, Januar bis 19, November 1924 durchschnittlich um 35,6 % 
gestiegen. Die Nominallohnsätze in den bayerischen Großstädten 
waren gegenüber 1924 um 28 % höher. In den kleineren Städten und in 
ländlichen Orten gingen die Steigerungen bis auf 75 %. Bei der Reichs- 
bahn wird ein wesentlich eingeschränkter Verkehr von einem um 
120 000 Köpfe stärkeren Personal bewältigt; die Löhne sind bei ihr 
noch wesentlich stärker als in der Industrie gestiegen usf, 
Man sollte meinen, die Inflationszeit habe den Arbeitnehmern und 
ihren Organisationen drastisch genug vor Augen geführt, daß keine 
Steigerung ihrer Löhne ihnen dauernden Nutzen bringt, wenn die 
Warenpreissteigerung bzw. die Geldentwertung sie überholt. Jeder 
Lohnempfänger muß sich darüber klar sein, daß eine Lohnerhöhung, der 
keine entsprechende Mehrleistung gegenübersteht, eine Verteuerung 
der Produktionskosten und damit der Preise nach sich zieht; daß eine 
Senkung des Preisniveaus für ihn unendlich viel wertvoller ist als eine 
Lohnsteigerung, weil durch die erstere, nicht aber durch die letztere sein 
Reallohn erhöht wird; daß, wenn das Preisniveau sinkt, die Inlands- 
nachfrage sich hebt und die Ausfuhr steigt; daß bei besserer Aus- 
Die deutsche Wirtschaft. 
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