fullscreen: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

186 Neuntes Buch. Zweites Kapitel. 
reichs zu entwickeln das Glück hatte, er gab den Franzosen die 
geistige Fhrung. Während die Deutschen auf Grund ihrer raschen 
politischen Einigung im 10. Jahrhundert auch jetzt noch auf ein 
Jahrhundert die politische Vormacht Westeuropas bleiben und 
Italien sowie teilweis Burgund in ihrem Banne halten, dringen 
aus den Kernlanden Frankreichs unzählige geistige, gesellschaft— 
liche, künstlerische Anregungen hinaus in alle Lande und geben 
der englischen wie der italienischen wie vornehmlich auch der 
deutschen Kultur ein äußerlich halbfranzösisches Gepräge. 
Es waren allerdings in Deutschland nicht die ersten 
Einwirkungen. Schon in vorgeschichtlicher Zeit waren die 
germanischen Gaue mit Erzeugnissen der höher entwickelten 
keltischen Nachbarn bedacht worden, und der deutsche Boden 
selbst zwischen der Elbe und den heute bestehenden westlichen 
Grenzen jenseits des Rheines war einst in keltischem Besitz 
gewesen und von den Germanen gewiß nicht, ohne dem Einfluß 
der alten Bewohner zu unterliegen, besiedelt worden. Dann 
hatten die Römer mit dem keltischen Gallien zugleich große 
Teile germanischen Bodens unterworfen und gleichartiger Ver— 
waltung unterstellt: das brachte Westdeutschland der romanischen 
Kultur näher; bis tief ins Mittelalter lassen sich noch unmittelbar 
nachwirkende Spuren dieses Zusammenhangs aufweisen; und noch 
im 11. Jahrhundert war die Benennung dieses rheinischen 
Deutschlands, ja des ganzen deutschen Mutterlandes als Gallia 
oder Gallige gewöhnlich, ja selbst im 12. und 18. Jahrhundert 
ist sie noch nicht völlig erstorben1. 
Bei diesem Zusammenhang begreift sich die enge Verbindung 
der geistigen Strömungen, die wir in der Entwickelung der 
deutschen und französischen Frömmigkeit des 10. Jahrhunderts 
kennen gelernt haben?, begreift sich auch der Einfluß Clunys seit 
der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts. Und schon zeigt sich hier, 
daß die französische Geistesströmung die auf religiösem Gebiete wenn 
nicht tiefere, so doch mächtigere ist; in Verbindung mit dem Papst— 
1 Vgl. Scheffer-Boichorst in Mitt. d. Instituts für österr. Geschichts 
forschung 18, 108 ff. 
2 Vgl. Band IIL S. 288 ff.
	        
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