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Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.
schattier, gleichzeitigj in Österreich, in England, in der Schweiz und in
Amerika, mit Nachdruck für die Nationalökonomie das Kecht, sich als
exakte Wissenschaft aufzubauen, oder, wie sie sagten, reine Ökonomik
zu sein. Wie zu erwarten, rief dieser Anspruch einen lebhaften Streit
zwischen den Vorkämpfern der historischen und denen der neoklassischen
Schule hervor, hauptsächlich zwischen den Professoren Schmoller und
Kare Menger.
Das wichtigtse Kennzeichen dieser neuen Schule liegt darin, daß sie
als das klarste Prinzip, auf das sich diese Wissenschaft gründen ließe, die
Tatsache findet, daß jeder Mensch die Lust sucht und die Unlust scheut
und sich unter allen Umständen bemüht, das Maximum der Einen mit dem
Minimum der Anderen zu erreichen 1 ). Es liegt auf der Hand, daß eine so
folgenschwere Tatsache — die übrigens weit über das Bereich der Wirtschaft
hinausgeht, da sie überall in der Natur als das „Prinzip des kleinsten
Mittels“ herrscht, — den klassischen Volkswirtschaftlern nicht entgangen
war. Nur nennen sie es einfach persönliches Interesse; heute heißt es
| hedonistisches Prinzip, von dem griechischen Wort fjäov17 Vergnügen,
Annehmlichkeit. Daher stammt der Name, unter dem wir diese beiden
Schulen zusammengefaßt haben.
Indem auf diese Weise alle Beweggründe, die die Tätigkeit des Men
schen bestimmen, auf einen einzigen zurückgeführt werden, will diese
Schule sicherlich nicht alle anderen leugnen. Sie behauptet nur, das
Recht zu haben, die Abstraktion anzuwenden, ohne die eine exakte
Wissenschaft unmöglich ist, das Recht, aus dem Beobachtungsfeld alle
anderen Faktoren als den, den man untersuchen will, aüszuschließen.
Den anderen sozialen Wissenschaften bleibt es überlassen, die anderen
Beweggründe der menschlichen Handlungen zu studieren. Der Homo
oeconomicus, den man bei den Klassikern so stark verspottet hatte, ist
wieder zu Ehren gebracht und sogar noch vereinfacht worden: er ist zu
einem schematischen Menschen geworden. Die Menschen werden nur
noch als Kräfte betrachtet, die durch Pfeile, wie in den Zeichnungen eines
Lehrbuches der Mechanik, dargestellt werden. Es handelt sich darum,
nachzuweisen, was sich aus ihren Beziehungen untereinander oder ihren
Rückwirkungen auf die Umwelt ergibt.
Wir werden auch sehen, daß diese Schule ungefähr zu dem gleichen
Schluß kommt, nämlich, daß die absolut freie Konkurrenz das Maximum
an Befriedigung für einen Jeden verwirklicht. Auch hierin erneuert sie,
*) „Die im Folgenden ausgeführte Theorie ist vollständig auf eine rechnerische E®'
Stellung des Vergnügens und der Mühe [der Lust und der Unlust] aufgebaut; die Aufgabe
der Volkswirtschaft besteht darin, das Maximum an Glück, das verwirklicht werden kann,
zu bestimmen, indem die größtmögliche Menge an Vergnügen mit der geringstmög
lichen Mühe erworben wird“ (Stanley Jevons, Theory of political economyb