446 Die wichtigsten historischen Formen der Gruppe.
ein solches zwischen einer Menschengruppe und einer Tierart. So erwidern die Stam-
mes- und Volksgötter die ihnen gewidmete Verehrung mit der Fürsorge für das Wohl
ihres Stammes oder Volkes. So besteht eine Gegenseitigkeit des Gebens und Nehmens
auch in den sublimiertesten Formen des religiösen Lebens, nur daß die äußeren Güter
ganz und gar durch innere ersegt sind. Die unbedingte Unterordnung des Gläubigen
auf hohen Stufen der Religion widerstreitet dem Gemeinschaftsverhältnis nicht, denn
dieses bezieht sich lediglich auf den Grad der inneren Verbundenheit, ist aber mit
herrschaftlichen Verhältnissen (dieses Wort hier im weitesten Sinne genommen) ebenso
vereinbar wie mit genossenschaftlichen.
3. In der patriarchalischen Form der Familie sind deren Funktionen
jedenfalls am stärksten entwickelt. Auf anderen Stufen können sie
geringer sein, gänzlich fehlen sie niemals. So kommt für die Stämme
der Australier eine eingehende Untersuchung zu dem Ergebnis, daß zwei
Gruppen von Beziehungen auch hier die Familie — hier ist es die Klein-
familie, die nur Eltern und unerwachsene Kinder umfaßt — verbinden.
Erstens bildet die Familie wiederum eine Wirtschaftsgemeinschaft:
Mann und Frau tauschen zum Teil ihre Nahrungsmittel aus, und beide
sorgen zugleich für die Kinder. Wieweit umgekehrt etwa die Kinder,
wenn sie erwachsen sind, für die Eltern sorgen, erfahren wir freilich
nicht. Und daneben besteht jene schon vorhin geschilderte seelische Ge-
meinschaft, die eben auf allen Stufen in der Familie auftritt. Jedenfalls
sind auch hier schon die Beziehungen nicht gering. Wenn auch die Kin-
der spätestens mit dem Beginn der Reife sich äußerlich von den Eltern
trennen und dann ihr selbständiges Leben im allgemeinen sogar in einer
anderen Lokalgruppe führen, so bleiben doch Beziehungen der Liebe
und Pietät bestehen; insbesondere werden derartige Beziehungen sogar
zwischen Großeltern und Enkeln erwähnt‘).
Wir wenden .uns jeßt der westeuropäischen Familie der
Gegenwart und deren jüngster Vergangenheit zu. Ein Vergleich zwischen
den beiden Typen, die hier auftreten, ist besonders lehrreich. Wir kön-
nen bei ihnen eine starke Verschiedenheit in der Enge und Innigkeit der
Familienbande feststellen, zugleich aber auch einen verschiedenen Grad
in der Stärke der Bindemittel als deren Ursache erkennen. Den Typus
der Familie, der etwa bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts in West-
europa herrschte, können wir als patriarchalische Klein-
familie bezeichnen. Äußerlich ist die Familie zusammengeschrumpft
auf Eltern und unerwachsene, zum Teil auch noch erwachsene unverhei-
ratete Kinder. Ferner hat sie auf dem rechtlichen Gebiet durch den
Staat, auf dem religiösen durch die Kirche die Hauptmacht verloren. Ge-
blieben aber ist ihr der patriarchalische Charakter. Geblieben ist ferner
1) Vgl. Malinowski, The family among the Australians, bes. Kap. 3 und 7.
(Über das Verhalten der Kinder ebendort S. 269.)