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I. Buch. Production und Consumtion.
Der beständigen Bevölkerungszunahme, wie sie in vielen cultivirten
Staaten in so erheblichein Umfange stattfindet, scheint sich aber ein Hinderniß
entgegenzustellen. Diese Zunahme kann anfangs und sogar lange Zeit hin
durch die Folge haben, daß ein gleiches Maß von Arbeit sich einträglicher
erweist als zuvor, aber diese Entwicklung hat ihre Grenzen. Zu einer ge
wissen Zeit wird sich das Gesetz der abnehnienden Einträglichkeit geltend machen,
und es werden demnach in dem betreffenden Gebiete vermehrte Arbeitsleistungen
verhältnißmäßig weniger eintragen. Einsichtsvolle Berücksichtigting der Um
stände und von einer solchen eingegebene Maßregeln vermögen dies Gesetz
allerdings eine Zeitlang unwirksam zu machen, aber sie können seinen Einfluß
nicht ans llnbeschränkte Zeit hinaus beseitigen, und zudem finden selbst bei Völkern
im Aufschwung beträchtliche Verbesserungen der Production durchaus nicht
iininer statt. Wenn sich nun ein Volk unter solchen Umständen ans ein wenig
umfangreiches Gebiet angewiesen sieht, wird nach einer bestimmten Zeit das
sociale Leiden der Uebervölkerung im eigentlichen Sinne des Wortes,
in welchen! es überhaupt allein gebraucht werden sollte, über ein solches
hereinbrechen. Es ist also ein Land übervölkert, wenn sich in demselben die
Production infolge des Anwachsens der Bevölkerungszahl zu einem solchen
Grade der Jntensivitüt entwickelt hat, daß sie nur mehr einen spärlichen Er
trag liefert, und wenn eine große Zahl der Bewohner aus diesem Grunde
sich übermäßig anstrengt oder schlecht genährt ist. Ist in einem solchen Falle
keine Verbefferung der Productionsmethoden mehr möglich, so bleibt nur noch
ein Ausweg übrig: eine Verminderung der Zahl der Bewohner. Ohne dessen
Anwendung wird sich das Uebel in einem solchen Maße steigern und eine der
artig große Anzahl von Todesfällen infolge von Entbehrungen eintreten, daß
die Anzahl der Verstorbenen diejenige der Neugebornen übersteigt und so in
traurigster Weise Abhilfe geschaffen wird.
Aber, wie schon gesagt, ein Heilmittel bleibt übrig, die Auswanderung.
Man kann hauptsächlich zwei Formen derselben unterscheiden. Die eine Art
der Auswanderung ist temporärer Natur und führt eine Anzahl der Bewohner
eines Landes auf längere oder kiirzere Zeit in die Fremde, wo dieselben
den Unterhalt für sich und zum Theil auch für die zurückgebliebenen Ange
hörigen erwerben, um für den Winter oder wenigstens nach einer Reihe von
Jahren an den heimischen Herd zurückkehren zu können. Solcher Art ist die
Auswanderung der Savoyarden und der oberitalienischen Maurer nach Mittel
europa, die der Gallegos nach Portugal und auch die eines Theils der italienischen
mehr kleine Kinder als in Frankreich, und daher ist auch die jährliche Ziffer der Todes
fälle eine größere. Genaue Berechnungen würden aber Holland als das gesündere der
beiden Länder erscheinen lassen.