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nicht als sittliche Forderung, sondern als notwendiges Entwicklungs-
Produkt anzusehen, hat noch aus anderen Gründen dazu beigetragen,
gerade diese Lehren so allgemein beliebt zu machen. Nicht nur, daß
man das sittliche Bewußtsein stärkte mit dem Hinweis auf die wissen
schaftliche „Nichtigkeit" seiner Forderungen: man konnte auch weiter
leben, weiteragitieren, ohne sich immer in einen Zustand sittlicher Ent-
rüstung versetzen zu müssen. Man war ja seiner Sache so sicher!
Der Sozialismus mußte kommen: wie ein Naturereignis. Wozu sich
also in Unkosten stürzen und etwa nach ethischer Begründung Aus
schau halten. Der gläubige Marxist wandelte seelcnvergnügt umher
wie der gläubige Christ: er wußte, daß der Glaube selig macht; er
wußte, daß das Jenseits ihm (oder doch wenigstens seinen Kindern)
sicher sei: kraft der Verheißung durch Marx. Und er konnte nun
auch — der gläubige Marxist — allen unbequemen Fragern: wie
denn der Zukunftsstaat „möglich" sei, mit einem mitleidigen Lächeln
begegnen, wiederum wie der Christ, den man nach der Einrichtung
des Himmels fragt. Das wisse er nicht, konnte er antworten, wolle
er auch nicht wissen, brauche er auch nicht zu wissen: alles Frageir
beweise nur das Unverständnis des Fragenden. Da der Himmel den
Gläubigen versprochen sei, so werde er auch wohl „möglich" sein
müssen. Heute freilich ist der übernatürliche Nimbus, der sich um
die Lehren Marxens verbreitet hatte, schon wesentlich verringert.
Man sindct in meinem „Sozialismus" den Nachweis, daß kaum ein
Bestandteil der Marx'schen Entwicklungslehre (mit der der „natur
notwendige" Übergang des Kapitalismus in den Sozialismus „be
wiesen" werden sollte) einer kritischen Prüfung standhält. Mit dem
Nachweis aber, daß nur eine Lehre Marxens falsch sei, war für die
' Geltung seines Systems mehr verloren als diese eine Wahrheit: es
war der Glaube in seine Allgemeingültigkeit, ich möchte sagen: in