Object: Das Lebenswerk von Karl Marx

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nicht als sittliche Forderung, sondern als notwendiges Entwicklungs- 
Produkt anzusehen, hat noch aus anderen Gründen dazu beigetragen, 
gerade diese Lehren so allgemein beliebt zu machen. Nicht nur, daß 
man das sittliche Bewußtsein stärkte mit dem Hinweis auf die wissen 
schaftliche „Nichtigkeit" seiner Forderungen: man konnte auch weiter 
leben, weiteragitieren, ohne sich immer in einen Zustand sittlicher Ent- 
rüstung versetzen zu müssen. Man war ja seiner Sache so sicher! 
Der Sozialismus mußte kommen: wie ein Naturereignis. Wozu sich 
also in Unkosten stürzen und etwa nach ethischer Begründung Aus 
schau halten. Der gläubige Marxist wandelte seelcnvergnügt umher 
wie der gläubige Christ: er wußte, daß der Glaube selig macht; er 
wußte, daß das Jenseits ihm (oder doch wenigstens seinen Kindern) 
sicher sei: kraft der Verheißung durch Marx. Und er konnte nun 
auch — der gläubige Marxist — allen unbequemen Fragern: wie 
denn der Zukunftsstaat „möglich" sei, mit einem mitleidigen Lächeln 
begegnen, wiederum wie der Christ, den man nach der Einrichtung 
des Himmels fragt. Das wisse er nicht, konnte er antworten, wolle 
er auch nicht wissen, brauche er auch nicht zu wissen: alles Frageir 
beweise nur das Unverständnis des Fragenden. Da der Himmel den 
Gläubigen versprochen sei, so werde er auch wohl „möglich" sein 
müssen. Heute freilich ist der übernatürliche Nimbus, der sich um 
die Lehren Marxens verbreitet hatte, schon wesentlich verringert. 
Man sindct in meinem „Sozialismus" den Nachweis, daß kaum ein 
Bestandteil der Marx'schen Entwicklungslehre (mit der der „natur 
notwendige" Übergang des Kapitalismus in den Sozialismus „be 
wiesen" werden sollte) einer kritischen Prüfung standhält. Mit dem 
Nachweis aber, daß nur eine Lehre Marxens falsch sei, war für die 
' Geltung seines Systems mehr verloren als diese eine Wahrheit: es 
war der Glaube in seine Allgemeingültigkeit, ich möchte sagen: in
	        
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