Full text: Agricultural relief (Pt. 3)

244 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfafsung der Volkswirtschaft. 
walten, zu erhalten, zu mehren gelehrt hat, welches die wichtigsten wirtschaftlichen 
Gewohnheiten der Kulturvölker bis zum Siege der neueren Konkurrenzwirtschaft erzeugte. 
In der Zeit der ausschließlichen Herrschaft dieser patriarchalischen Familie besteht 
die Gesellschaft, hat man gesagt, aus einem völkerrechtlichen Bunde von Familienhäuptern; 
alle ihnen untergeordneten Familienglieder haben nur durch sie Beziehungen zum 
Ganzen und zu den höheren socialen Organen; sie wirtschaften nicht für fich, sondern 
nur für die Familienväter. Die Folgen dieser Familienverfassung sind nach allen Seiten 
hin bedeutungsvoll. 
Aus der patriarchalischen Familie gingen die Verwandtschaftssysteme hervor, die 
heute das Recht aller Kulturvölker beherrschen; alles heute bestehende Erbrecht ist ein 
Ergebnis dieser Familienverfassung. Alle älteren Unternehmungsformen, heute noch die 
des Handwerks, der Kleinbauern, sowie die patriarchalische Fabrikverfassung sind aus 
der Familie ebenso entfprungen, wie die kriegerischen Gefolgschaften, die Fronhofs— 
verfassung, die Grund- und Gutsherrschaft. Die Klöster und andere kirchliche Institutionen 
find Nachahmungen der Familienverfaffung; die Lehrlingschaft und alle älteren Erziehungs— 
anstalten knüpfen an die patriarchalische Familie an. Die Formen der heutigen Handels— 
gesellschaften haben ihre eine Wurzel in der Familie; die offene Handelsgesellschaft ist 
heute noch meist an die Familie angelehnt. Das patriarchalische Königtum wie das 
Aufkommen aristokratischer Kreise beruht auf dem Emporwachsen einzelner patriarchalischer 
Familien; in China und Rußland gilt die höchste Gewalt noch heute als eine väterliche. — 
Die politische und kriegerische Versassung der heroischen Zeitalter und aller Staaten bis 
zu dem Punkte, da eine moderne Staatsgewalt sich ausbildet, beruht auf Elementen, 
die der patriarchalischen Familienverfassung angehören; die erbliche Monarchie ist das 
in unsere Zeit hereinragende Ergebnis derselben. Die sociale Klafsenbildung entspringt 
in einzelnen ihrer Keime der patriarchalischen Familienverfassung; bei der Sklaverei ist 
das an sich klar, aber auch die leibeigenschaftlichen und grundherrlichen Zustände gehen 
teilweise aus ihr hervor; wo die Familie übergroß wurde, spaltete sie sich leicht in 
eine führende, grundherrschaftlich befehlende, und in eine Reihe abhängiger, dienender 
Familien. 
In der UÜberlieferung der wichtigsten Kulturvölker, in ihrer Religion und Litteratur, 
in ihren Sitten, ihrem Rechte nahm die patriarchalische Familie so sehr den beherrschenden 
Mittelpunkt ein, daß sie naturgemäß von ungezählten Generationen als eine ewige 
Form des socialen Lebens, als eine unverrückbare göttliche Anordnung betrachtet wurde. 
Freilich hat fie nie alle Kreise der Kulturvoölker in gleicher Weise beherrscht, sie 
kam frühe ins Wanken, wo die Geldwirtschaft und Arbeitsteilung sich energischer aus— 
bildeten, wo moderne Staatsgewalten und Unternehmungsformen siegten, wo größere 
Menschenmengen in den Städten sich sammelten, ein individualistischer Geist mit ihrem 
Zwang, ihren Überlieferungen in Widerspruch kam. Es ist ein Prozeß, der zur Blüte— 
zeit Athens und Roms ebenso einsetzte wie in dem Italien der Renaifsancezeit und bald 
nachher in den heutigen Kulturstaaten. 
Aber erhebliche Züge und Elemente der älteren Familienverfassung sind auch heute 
noch überall vorhanden; viele werden sich dauernd erhalten, andere werden noch mehr 
als bisher verschwinden. 
Wenn heute die meisten konservativen und kirchlichen Elemente sich bemühen, von 
der patriarchalischen Familienverfassung und ihren Ablegern so viel zu retten wie möglich, 
so haben sie darin Recht, daß alle Auflösung dieser alten Ordnungen leicht das Ver— 
schwinden der Zucht, des Gehorsams, der Ordnung und Gesittung überhaupt bedeutet — 
aber sie haben Unrecht, wenn sie glauben, es gäbe auch für die intellektuell und sittlich 
gehobenen, individuell ausgebildeten Menschen kein anderes Erziehungsmittel als die 
alte despotisch-harte, oft brutale patriarchalische Familienzucht. — 
91. Die neuere verkleinerte Familie, ihre Wirtschaft und deren 
Ursachen. Sie steht zur patriarchalischen Familie nicht in so schroffem Gegensatze 
wie diese zur Muttergruͤppe. Ihre allgemeine Struktur, eine gewisse vaterrechtliche 
Gewalt, die Zufammenfsehung aus Mann Frau, Kindern und Dienstboten bleibt, bents
	        
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