Object: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Weltanschauung. 
dieser Periode eines neuen Seelenlebens hoher Kultur im 
einzelnen wehen, wo er will, wie der Sturm, der die viel—⸗ 
verzweigten Gassen einer Großstadt durchsaust und reinigt. 
Nur die allgemeine Richtung der Entwicklung läßt sich ein 
wenig beeinflussen. Und auch sie nur mittelbar, durch Ein— 
wirkung auf die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Vorgänge, 
auf deren Entfaltung sich trotz mannigfacher Verschiebungen und 
Wechselwirkungen mit spezifisch geistigen Mächten doch im 
größten der Verlauf des geistigen Lebens aufbaut. Das ist der 
eigentlichste und größte Sinn der sozialen Frage. Sie ist keine 
Frage bloß des vierten Standes, — wer wollte sie noch heute 
im Schülersinne der achtziger Jahre verstehen? Sie ist die 
Frage aller Stände, weil sie die Frage ist auch unseres 
geistigen, seelischen Lebens, sie ist die größte Frage unserer 
Zukunft überhaupt. Wie läßt sich das Verhältnis des Einzelnen 
zur Gesellschaft je nach den verschiedenen Bedürfnissen der ver— 
schiedenen sozialen Schichten so regeln, daß wir im Bereich des 
entwicklungsgeschichtlichen Verlaufes unserer Kultur ein gesundes, 
großes Volk bleiben, ein gesunderes und größeres und sittlicheres 
werden: das ist ihr Inhalt. Dabei ist selbstverständlich, daß 
zur Lösung dieser Frage auf dem Boden der Gesellschaft nicht 
bloß wirtschaftliche, sondern auch ethische, ästhetische, überhaupt 
seelische Kräfte von jederlei Art eingespannt werden müssen: 
ganz umfassend muß diese Frage ergriffen werden, auch in 
Richtungen, in denen sie in England ein Carlyle, ein Ruskin 
schon haben erfassen wollen. Natürlich wird das nicht ohne 
Eingriffe in die Bewegungsrechte des Einzelnen möglich sein; 
mehr noch als bisher wird die Zeit sozialisiert werden müssen, 
soll sie nicht rückwärts gehen. Aber diese Sozialisierung muß 
so erfolgen, daß auch die Einzelnen einen stetigen und ständigen 
Fortschritt ihrer Persönlichkeit zu spüren haben: daß mit und 
in bewußt geschaffener größerer Gebundenheit zugleich Männ— 
lichkeit aufwächst und Freiheitsbewußtsein und Sinn für Maß 
und Gerechtigkeit. 
Unerläßlich zur Lösung der sozialen Frage in diesem 
Sinne erscheint vor allem ein noch ungebrochener Grund von
	        
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