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Die Theorien des Merkantilismus.
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ganze Länder her; es war ein großer Fortschritt in der Erkenntnis einer der aller—
wichtigsten Erscheinungen der Volkswirtschaft. Nun erst sah man, so unvollkommen
auch die Zahlen waren, einigermaßen klar für alle staatliche Beeinflussung des Handels
und der Produktion, für allen Abschluß von Handelsverträgen. Das Detail und der
jährliche Wechsel an dieser Statistik waren das Wertvollste. Das öffentliche Interesse
aber heftete sich an die Hauptsummen, an die hieraus berechnete sogenannte günstige
oder ungünstige Bilanz. Immer war die Frage, was ergeben diese Hauptsummen,
ergeben sie Verlust oder Gewinn des Landes zum Vorteil oder Nachteil anderer Staaten,
sür den nicht ganz unnatürlich, der nicht an die harmonistische Fiktion glaubt, bei
jedem Handel müßten stets beide Teile gleich gewinnen. Es war nur zweifelhaft, ob
aus diesen Hauptsummen eine sichere Antwort über Gewinn und Verlust des Staates,
ja über Zu- und Abnahme des Geldvorrats herauszulesen war. Man war nicht fähig,
die Zahlen kritisch zu prüsen, noch weniger die Edelmetallaus- und Einfuhr richtig
restzustellen. Man kannte den Mechanismus der Bezahlung durch Wechsel noch nicht
zehörig. Man überschätzte den Einfluß des Geldvorrates auf den Nationalwohlstand,
wähnte, jede Geldzunahme sei Reichtumssteigerung, während die letzten Ursachen des
steigenden Reichtums in den produktiven Kräften der Nation, in ihrer wirtschaftlichen
Organisation, in dem steigenden Absatz ihrer Produkte im In- und Auslande liegen,
eine steigende Geldsumme mehr die Folge als die Ursache dieser Erscheinungen ist.
Vollends war es falsch zu glauben, wie in England von 1670 an, wenn Frankreich
mehr nach England als umgekehrt an Waren einführe, so bedeute dies Verarmung und
müsse durch ein Verbot der meisten französischen Waren gehindert werden. Die Bilanz mit
dem einen Lande kann ja stets durch eine umgekehrte mit anderen Ländern ausgeglichen
werden. Die Engländer hatten sich auch längst durch ihre großen Handelsschriftsteller
belehren lassen, daß ihre große überwiegende Geldaussuhr nach Ostindien durch den
überreichen Verkauf ostindischer Waren an andere europäische Staaten ausgeglichen
werde. Auch andere Schwächen der älteren Bilanzlehre hatten schon Mun, North,
Forbonnais, Galiani aufgedeckt. Im ganzen aber herrschte freilich der Aberglaube bis
zu Adam Smith unbedingt vor, daß jedes Land verarme, das nicht seinen Geldabfluß
durch hohe Zölle und Verbote hindere. Der berechtigte Kern aber, der in falscher
Formulierung in dieser Lehre steckte war der: man sah, daß die ärmeren zurück—
gebliebenen Staaten (wie es England noch bis in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts
gegen Holland und Frankreich war) im Handelsverkehr mit reichen leicht verlieren
fönnen; man sah, daß manche Staaten, besonders die ohne Indüustrie, ohne aktiven
Handel, durch die übermäßigen Luxuskonsumtionen ihres Hofes und Adels oder andere
ümstände zeitweise von ihrer Geldeirkulation zu viel verlieren; man sah, daß aktive
voranschreitende Staaten mit reicher lebendiger Geldcirkulation Fabrikwaren exportieren
und hielt ihre Geldmenge für die wesentliche Ursache des Wohlstandes, während sie nur
eines der Hülfsmittel, teilweise nur die Folge des wirtschaftlichen Fortschrittes war.
Nicht im Sinne des momentanen Geldverlustes, sondern im Sinne dauernder Handels—
und Wirtschaftsblüte ist der Satz von Forbonnais wahr: la balance du commeree est
eéritablement la balance des pouvoirs.
Auf die neuere Kritik der Handelsbilanztheorie und ihre heutigen Kontroversen
kommen wir unten (S. 649) zurück.
268. Die Entstehung der Freihandelstheorie und ihre schutz—
zöllnerische Kritik 1751 —5 1860. A. Smith, Fr. List, Marx- Wenn die
Betonung der Handelskämpfe und des Handelsneides, die schutzzöllnerische Absperrung
der Stagaten unter einander und die Leitung alles Handels und aller Produktion durch
staatliche Maßnahmen das Wesen des Merkantilsystems ausmachte, so mußte eine neue
Theorie, welche das alte System beseitigen wollte, ebenso von der individuellen Freiheit
und von der natürlich-harmonischen Ordnung des wirtschaftlichen Lebens ausgehen;
wie man bisher vom Staate, von seinen Eingriffen, vom Zwange, vom Nauonal—-—
interesse allen Fortschritt erwartet hatte, so jetzt vom Erwerbstrieb, vom geläuterten
undividuellen Egoismus. Alle die bisher unter der staatlichen Ordnung gelitten, von