Full text: Der Briefwechsel zwischen Marx und Engels 1868-1883 / [hrsg. von D. Rjazanov] (Abt. 3, Briefwechsel, Bd. 4)

(1307) 1869 Sept. 5 
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hatte und zu Nichts Anderm gut war. Auch dachte ich, Du seist 
mit Jenny fort, und hörte erst hier das Gegenteil. Diese Verzöge- 
rung Deiner Abreise kommt mir etwas befremdlich vor, ich kann 
nicht denken, daß der Baseler Kongreß allein schuld daran ist, 
und da muß ich mich fragen, ob es sich vielleicht nicht um Geld 
handelt. Als Du die £ 75 verlangtest, schickte ich Dir 100, in 
der Vorstellung, Du könntest den Rest für die Reise verwenden, 
da ich dies aber nicht ausdrücklich sagte, hat sich vielleicht andre 
Verwendung dafür gefunden, und wenn dies so ist, so telegra- 
0 phiere mir morgen früh (vor 10 Uhr womöglich), wie- 
viel Du brauchst. Wir werden nämlich morgen Abend 
wohl nach Dublin abfahren und ich gegen 11—12 Uhr in die 
Stadt gehn, um die Geldgeschäfte zu besorgen, und da kann ich 
das noch mit abmachen. 
Ich war einige Tage in Engelskirchen. Die Leute in Deutsch- 
land werden immer dummer. Die Arbeiterbewegung rückt ihnen 
zwar bedrohlich näher, und sie kokettieren Alle mit ihr und 
haben nostrums aller Art, aber ihr Verstand ist darum nicht 
schärfer geworden, im Gegenteil. Mein Herr Bruder z. B. wollte 
» die soziale Frage dadurch lösen, daß er „die Arbeit amortisiert“‘, 
grade wie er die Fabrikanlagen, Gebäude, Maschinerie usw. 
amortisiert, und zwar, indem er z. B. auf jedes Pfund Garn einen 
Groschen au£ den Preis schlägt und damit die alt, krank und 
invalid gewordenen Arbeiter abfindet! Der bonhomme war ganz 
% erstaunt, als ich ihm auseinandersetzte, wie bodenlos naiv und 
absurd diese Geschichte sei, und versprach schließlich, Dein 
Buch zu lesen. Über preußische Knappschaftskassen gab er mir 
einen Artikel in Engels statistischer Zeitschrift, wonach die 
schreiendsten Infamien der sächsischen Statuten dort nicht vor- 
% kommen, sonst aber Alles ebenso. 
Der größte Mann in Deutschland ist unbedingt der Strousberg. 
Der Kerl wird nächstens deutscher Kaiser. Überall, wohin man 
kommt, spricht Alles nur von Strousberg. Der Kerl ist übrigens 
gar so übel nicht. Mein Bruder, der Verhandlungen mit ihm hatte, 
hat ihn mir sehr lebendig geschildert. Er hat viel Humor und ein- 
zelne geniale Züge und ist jedenfalls dem Railwayking Hudson 
unendlich überlegen. Er kauft jetzt alle möglichen industriellen 
Etablissements auf und reduziert überall sofort die Arbeitszeit 
auf 10 Stunden, ohne den Lohn herabzusetzen, Dabei hat er das 
o klare Bewußtsein, daß er als ein ganz armer Schlucker endigen 
wird, Sein Hauptprinzip ist: nur Aktionäre zu preilen, mit Liefe- 
ranten und andern Industriellen aber kulant sein. In Köln sah ich 
sein Porträt ausgehängt, gar nicht übel, jovial. Seine Vergangen- 
heit ist ganz dunkel, nach Einigen ist er studierter Jurist, nach 
1 Andern hat er in London einen Puff gehalten. 
Marx-Engels-Gesamtausgabe, II. Abt., Bd. 4
	        
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