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(1392) 1870 Aug. 8
L’Empire est fait, i. e. das deutsche Kaisertum. By hook and
crook, weder auf dem beabsichtigten Weg noch in der vorgestell-
ten Weise, scheint es, daß alle Mogeleien seit dem Second Empire
schließlich dahin geführt haben, die „nationalen“ Zwecke von
1848 auszuführen — Ungarn, Italien, Deutschland! Mir scheint
diese Sorte Bewegung erst zu Ende gebracht, sobald es zur Keilerei
zwischen den Preußen und Russen kommt. Dies keines-
wegs unwahrscheinlich. Die Presse der Moskowitischen Partei (ich
habe allerlei davon bei Borkheim gesehn) hat die russische Regie-
rung wegen ihrer freundschaftlichen Haltung zu Preußen ebenso ı
heftig angegriffen, als die französischen Blätter im Sinne von
Thiers 1866 den Boustrapa wegen seiner Liebkoserei mit Preußen
angriffen. Nur der Kaiser, die deutsch-russische Partei und das
offizielle St. Petersburger Journal bliesen ins Horn gegen Frank-
reich. Sie erwarteten aber auch nichts weniger als so entschiedne ı:
preußisch-deutsche Sukzesse. Sie glaubten, wie Bonaparte 1866,
die belligerent powers würden einander durch langen Kampf ab-
schwächen, so daß das heilige Rußland als höchster arbiter gebie-
tend dazwischen treten könne.
Aber jetzt! Wenn Alexander nicht vergiftet zu werden wünscht, 2“
something must be done zur Beschwichtigung der nationalen Par-
tei. Das Prestige Rußlands wird offenbar noch mehr „verletzt“
durch ein deutsch-preußisches Kaisertum, als das Prestige des
„Second Empire“ es durch den Norddeutschen Bund ward.
Rußland wird also, ganz wie Bonaparte es von 1866—1870 2
tat, mit Preußen mogeln, um Konzessionen nach der türkischen
Seite hin zu erlangen, und alle diese Mogeleien, trotz der russi-
schen Religion der Hohenzollern, werden in Krieg zwischen
den Moglern enden. Wie albern der deutsche Michel immer
sei, sein neugestärktes Nationalgefühl (namentlich jetzt, wo man #
ihm nicht mehr vorreden kann, er müsse sich alles gefallen lassen,
um die deutsche Einheit erst zu Stand zu bringen), wird sich kaum
in russischen Dienst pressen lassen, wozu gar kein Grund,
nicht einmal ein pretext mehr vorhanden ist. Qui vivra verra. Lebt
anser schöner Wilhelm noch einiges, so können wir noch seine Pro- +
klamationen an die Polen erleben. Wenn Gott was besonders Gro-
Bes tun will, sagt old Carlyle, wählt er immer die dümmsten Men-
schen dazu aus.
Was mich in diesem Augenblick ängstet, ist der Stand der
Dinge in Frankreich selbst. Die nächste große Schlacht kann wohl «
kaum anders als gegen die Franzosen ausfallen. Und dann? Wirft
sich die geschlagne Armee nach Paris unter Boustra pas
Leitung, so kömmt es zu einem Frieden demütigendster Art für
Frankreich, vielleicht mit restauration der Orleans. Bricht
eine Revolution in Paris aus. so fragt es sich, ob sie die Mittel und 4