Object: Allgemeine Gesellschaftslehre

Dichtung. 
253 
dicht damit etwa neben ein Denkmal der bildenden Kunst wie 
Klingers Radierung „An die Schönheit“. 
Und liegt nicht überhaupt ein Vergleich dieser idealistischen 
Übergangslyrik mit der Entwicklung der Übergangsmalerei von 
Feuerbach bis auf Klinger nahe? Noch auf dem Boden der 
alten herkömmlichen Psychologie fußend, doch ihn gewaltig 
ausweilend und in ständigen Zusätzen des Neuen zum Alten 
früh zu idealischen Formen emporläuternd, stellt diese Poesie, 
parallel der Übergangsmalerei, eine spezifisch deutsche Er— 
scheinung des modernen europäischen Seelenlebens dar, die den 
anderen Nationen in dieser Ausdehnung und Tiefe fehlt: wie 
die Böcklin oder die Klinger so haben auch die Hart und die 
Avenarius in England und Frankreich im ganzen aenommen 
kaum ihresgleichen. 
Inzwischen aber hatte sich auf deutschem Boden schon eine 
Lyrik des reinen physiologischen Impressionismus entwickelt. 
Sie war, wie nicht minder die entsprechende bildende Kunst, 
anfangs vor allem auf das Stoffliche gerichtet, das ihr be⸗ 
sonders leicht lag: neben dem Armeleutebild und der Kohl— 
kopflandschaft gedieh das soziale Gedicht, das die Not der unteren, 
hbon der Dichtung noch nicht „konventionalisierten“ Stände 
schilderte. Daneben standen schwache erste Versuche, auch 
formell weiter zu gelangen: neben veränderter Stoffwahl leise, 
oft recht ungelenke Andeutungen einer neuen Kunstform. 
Bezeichnend für diesen Ubergangszustand ist vor allem die 
Gedichtfammlung „Moderne Dichtercharaktere“, die 1884 aus 
einem der Berliner Kreise junger Dichter hervorging. Hier 
finden sich Gedichte, die, in der Form uralt, doch dem Stoffe 
nach Neues bieten; dicht daneben steht formell und technisch 
wirklich Neues und auch wieder inhaltlich Altes, das nur in 
Außerlichkeiten, wie in der Weglassung des Reimes und im 
Gebrauch des freien Rhythmus, Spuren der fortschreitenden 
künstlerischen Bewegung zeigt. Als in sich fertigster und 
vollendetster der Dichter, die sich in dieser Sammlung ein 
Stelldichein gaben, erscheint wohl Arno Holz (geb. 1863). 
Er ist hier freilich noch ziemlich auf alten Pfaden, doch
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.