Prostitution.
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schreien, wenn er sie nur mit der Hand berührte, ‚als Geliebte
entschieden der eiskalten weißen Frau vorzieht, die sein erotisches
Entzücken nur mit Verachtung betrachtet... Und dieses Unrecht
begeht die Frau am Manne, wenn sie sich einbildet, daß sie
geräde aus diesem Grunde ein ‚höheres‘ Wesen sei als der
Mann, während sie doch in Wirklichkeit ein defektes Indivi-
duum, eine bedauernswerte Invalidin ist, der alten Wahrheit
gemäß, wonach keine Anmaßung sich mit dem Dünkel der
Unwissenheit messen kann235 .‘
5. Prostitution.
Schon in seinen im Jahre 1755 an der Universität Neapel
begonnenen Vorträgen hat Antonio Genovesi auf die Not-
wendigkeit eines internationalen Vorgehens in der Bekämpfung
des Bordellwesens und der Lustseuchen aufmerksam ge-
macht236.
Unter die Gradmesser der Sittlichkeit in einem Volke hat
man auch die Zahl der in ihm lebenden Prostitmierten rechnen
235 Wieth-Knudsen, S. 88/89. — Eine englische Frauenärztin, Mrs,
Stope, rät dem Mann, gewissermaßen mit dem Kalender in der Hand, die
erotischen Perioden der Frau herauszufinden. „Jedes diesbezügliche Zeichen
soll er genau beachten und danach ihr Wohlwollen sorgfältig vorbereiten und
anregen, ehe er zur Tat schreitet. Um den Blödsinn der Stopeschen Idee zu
vervollständigen, fehlt nur noch der Vorschlag, daß der Mann, um nicht
ungelegen zu kommen, jedesmal vorher einen besonderen Antrag auf einem
vom „Verein der Ehefrauen“ genehmigten Formular einreichen muß. Dabei
gehört Mrs. Stope aber noch lange nicht zu den rabiatesten Feministen!“
(Wieth-Knudsen, S. 89.) Hier irrt der Antifeminist. Das Herausfinden
der erotischen Perioden des Weibes, wenn nötig an der Hand des Kalenders,
mag dem an Perioden nicht gebundenen, ewig „bereiten“ Mann psychisch
nicht liegen und ihn abstoßen, ist aber dennoch als Ausdruck der physio-
psychologischen Geschlechtspolarität von Mann und Weib eine praktisch be-
achtenswerte Erleichterung des Sichverstehens und folglich ein gutes erotisch-
sudämonologisches Rezept.
286 Antonio Genovesi, Lezioni di Commercio o sia di Economia civile,
Aufl. Milano 1820, Silvestri, p. 84.