Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Carolus Bovillus. 
bar der göttlichen Natur nähert. Wie der göttliche Geist der 
Schöpfer aller substantiellen Formen, so ist der menschliche 
der Bildner und Werkmeister aller seiner Begriffe und Ge- 
danken.’) So gewinnt er, der sich zunächst dem äusseren Ein- 
druck gegenüber rein aufnehmend verhalten sollte, das Bewusst- 
sein und die Kraft der Selbsttätigkeit zurück. Nicht seine 
eigene Natur, sondern die Bedingtheit, in die ihn das Gedächt- 
nis verstrickt, ist, wie wir sahen, der Grund seines passiven Ver- 
haltens im menschlichen Erkenntnisprozess. An sich dagegen 
bleibt er von dieser Einschränkung unberührt: „omnis intellectus, 
ut hujusmodi, dradkc 1. €. impassibilis est.“76) Dieser allgemeine 
ontologische Grundsatz wird auch hier, wie bei Cusanus, allmäh- 
lich für die Erkenntnis innerhalb der Erfahrung und der Sinnen- 
welt fruchtbar gemacht. Wie der „äussere Sinn“ den inneren be- 
wegt und anreizt, so muss andererseits, damit Erkenntnis zustande 
kommt, eine Bewegung in entgegengesetzter Richtung dem Ein- 
druck der Objekte entgegenkommen. Der Intellekt selbst ist es, 
der, um zu seiner eigenen Vollendung und Reife zu gelangen, 
die Sinne herbeiruft, erregt und antreibt und der sie damit 
zuerst befähigt, das Bild des äusseren Seins in sich aufzunehmen. 
So beweist er sich zugleich als Triebkraft und als Endziel alles 
Erkennens””) (s. ob. S. 60 ff.). „Da die grosse Welt in ihrer Gesamt- 
heit nur um der kleinen willen besteht, so ist sie ihr beständig 
gegenwärtig, geht in sie ein und schliesst sich mit ihr, wie das 
Mittel mit dem Zweck, zusammen. Denn alles Streben der grossen 
Welt zielt darauf ab, geraden Weges in die kleine einzuströmen 
und sie kraft der Bilder, die sie in ihr erzeugt, mit ihrer ganzen 
Substanz zu erfüllen. Denn der grossen Welt wohnt keine 
Kraft inne, vermöge deren sie sich zurückwenden, in 
sich selber umkehren, sich gegenwärtig sein und sich 
anschauen könnte, da sie nicht als Selbstzweck, sondern um 
eines Anderen willen besteht, dem sie sich ganz hingibt und ein- 
pflanzt. Die kleinere Welt dagegen ist vermöge einer Art von 
äusserem Sinn der grösseren stets gegenwärtig und vermag sie, 
indem sie aus sich selbst heraustritt, zu erhellen und zu durch- 
leuchten. Indem sie sodann aber kraft des inneren Sinnes wie- 
der auf sich zurückgeht, ist sie, unbekümmert um die Welt 
draussen, sich selbst gegenwärtig und spiegelt das Universum.
	        
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