Vorrede.
VIT
fertige Gestalt selbst zur vollen anschaulichen Bestimmtheit, ehe
wir sie nicht in ihren einzelnen Teilen vor uns entstehen lassen. —
In dieser Grundansicht habe ich versucht, in der folgenden
Darstellung das systematische und das geschichtliche Interesse zu
vereinen. Von Anfang an galt es mir als das notwendige und
selbstverständliche Erfordernis, die Herausbildung der fundamentalen
Begriffe an den geschichtlichen Quellen selbst zu studieren
und jeden Einzelschritt der Darstellung und Schlussfolgerung
unmittelbar aus ihnen zu rechtfertigen. Die einzelnen Gedanken
sollten nicht nur ihrem allgemeinen Sinne nach in historischer
Treue wiedergegeben, — sie sollten zugleich innerhalb des
bestimmten intellektuellen Gesichtskreises, dem sie angehören, betrachtet
und aus ihm heraus begriffen werden. Hier erwarte und
erhoffe ich die eingehende Nachprüfung von Seiten der Kritik;
je genauer und strenger sie ist, um so erwünschter wird sie mir
sein. Ich selbst habe bei der Herbeischaffung und Sichtung des
historischen Materials die Lücken unseres heutigen Wissens im
Gebiet der Geschichte der Philosophie zu lebhaft empfunden, als
dass ich nicht jede Förderung durch erneute, eindringende Spezialforschung
willkommen heissen sollte. Und je bestimmter und
schärfer die Kenntnis des Einzelnen sich gestalten wird, um so
deutlicher werden sich auch die grossen intellektuellen Zusammenhänge
vor uns enthüllen. Die immanente Logik der Geschichte
gelangt um so klarer zum Bewusstsein, je weniger sie unmittelbar
gesucht und mittels eines fertigen Schemas in die Erscheinungen
hineinverlegt wird. Dass die innere Einheit, die die
einzelnen Tatsachen verknüpft, nicht direkt mit diesen selber
mitgegeben, sondern immer erst durch gedankliche Synthesen
zu erschaffen ist: dies muss freilich von Anfang an erkannt
werden. Das Recht derartiger Synthesen wird heute — da
auch die erkenntnistheoretischen Voraussetzungen der Geschichte
klarer begriffen und formuliert sind — keines besonderen Erweises
mehr bedürfen; nicht das allgemeine Verfahren, sondern
nur seine besondere Anwendung kann kritisch bestritten werden.
Die Geschichte der Philosophie kann, so wahr sie Wissenschaft
ist, keine Sammlung bedeuten, durch die wir die Tatsachen in
bunter Folge kennen lernen; sie will eine Methode sein, durch
die wir sie verstehen lernen. Dass die Prinzipien, auf die sie