Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Marsilius Ficinus. 
97 
Allgemein vollzieht sich die Gliederung des Alls in fünf ver- 
schiedenen Graden und Stufen, die gegenseitig auf einander hin- 
weisen, um zuletzt in ihrer stetigen Folge zum Einen, unbeding- 
ten Sein wieder zurückzuführen. Je nach der Teilhabe an den 
beiden entgegengerichteten Principien der Mannigfaltigkeit 
und der Einheit gestaltet und gliedert sich die Ordnung der em- 
pirischen Wirklichkeit. Von dem Körper und den körperlichen 
Qualitäten führt der Weg zur menschlichen Seele, von dieser 
wiederum zu den reinen himmlischen „Intelligenzen“ und zum 
göttlichen Sein empor. Während der Körper als solcher, ver- 
möge der Teilbarkeit ins Unendliche, schlechthin in eine Vielheit 
von Elementen auseinanderfällt, ohne in sich ein Prinzip der Be- 
grenzung und Bestimmung zu besitzen, stehen bereits die Qua- 
litäten, wie Licht und Farbe, um eine Stufe höher. Denn wenn- 
gleich auch sie verhaftet am Stoffe zu kleben scheinen und nur 
an den ausgedehnten Massen in die Erscheinung treten, so ist 
doch der eigentliche Ursprung ihrer Wirksamkeit nicht in dem 
Gebiet des bloss extensiven Mehr und Weniger zu suchen. Sie 
bedürfen nicht der Erstreckung in Länge, Breite und Tiefe, son- 
dern sind ganz und ungeteilt bereits in jedem kleinsten Bezirk 
des Körpers, in jedem Massenpunkte enthalten. So sind sie in 
Wahrheit individuelle Naturen und Bestimmtheiten, die 
durch die Teilung des körperlichen „Subjektes“, an dem sie sich 
uns zunächst darstellen, nicht berührt werden. Die Weisse, die 
in irgend einem Teil eines weissen Körpers enthalten ist, lässt 
sich im strengen Sinne nicht als einen Teil der Qualität, son- 
dern nur als die Qualität eines Teiles denken: die Zerfäl- 
lung geht lediglich das stoffliche Substrat an, nicht die Farbe 
selbst, die überall die gleiche „indivisible“ Natur und Beschaffen- 
heit aufweist. Die „ratio albedinis“ ist dieselbe im ganzen Körper 
und in jedem seiner einzelnen Bestandstücke. So ergibt sich hier 
bereits ein neues Verhältnis von Einheit und Vielheit: 
die unterscheidende Eigentümlichkeit der Qualität wird nicht 
durch Zusammensetzung gewonnen, sondern als eine wesent- 
liche Einheit erfasst, die erst mittelbar, indem sie sich gleichsam 
successiv über die verschiedenen Teile eines Körpers ausbreitet, 
an den Bestimmungen der Quantität teilhat. In den Qualitäten 
der Körper aber wurzeln alle ihre Kräfte und Wirkungsfähig-
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.