Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die Stufenfolge des geistigen Seins.

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Ohne sich an sie zu verlieren. Auch hier sind es Grundmotive
der Cusanischen Spekulation, die bei Ficinus fortwirken. Die
Seele ist zugleich teilbar und unteilbar, der höchsten absoluten
Einheit wesensgleich, wie der Vielheit und Veränderung der Körperwelt
 beständig zugewandt. Sie ist das eigentliche und tiefste
Wunder, sofern alle andern Dinge, wie vollkommen wir sie uns
denken mögen, immer ein besonderes Sein besitzen und verkörpern,
 während sie das All in seiner Gesamtheit darstellt und
enthält. „Sie trägt in sich die Bilder der göttlichen Wesenheiten,
von denen sie abhängt, wie die Gründe und Musterbilder der niederen
 Dinge, die sie auf gewisse Weise selbsttätig erschafft. Sie ist
die Mitte von Allem und besitzt die Kräfte von Allem. Sie geht in
Alles ein, ohne doch, da sie die wahre Verknüpfung der Dinge ist,
den einen Teil zu verlassen, wenn sie sich einem andern zuwendet,
So darf sie mit Recht das Zentrum der Natur, die Mitte des
Universums, die Kette der Welt, das Antlitz des Alls und das Band
und die Fessel aller Dinge heissen.“ 1!) Wenn jedes sinnliche Ding
kraft seiner Natur zu seinem höheren geistigen Ursprung zurückstrebt,
 so kann sich diese innere Umkehr nicht in den Dingen
selbst, noch in den geistigen Substanzen über oder unter uns,
sondern nur in der Seele des Menschen vollziehen. Denn sie
allein vermag sich völlig mit der Betrachtung des Einzelnen
und Stofflichen zu durchdringen, ohne sich ihm gefangen zu
geben; sie allein vermag die Sinneswahrnehmung selbst zum
Allgemeinen und Geistigen zu erheben, „So kehrt der göttliche
Strahl, der zu der niederen Welt herabgeflossen war, durch sie
wieder in die höheren Regionen zurück. . . Der Menschengeist ist
es, der das erschütterte Universum wiederherstelll, da dank seiner
Tätigkeit die Körperwelt beständig geläutert und der geistigen Welt,
von der sie ehemals ausgegangen, täglich näher geführt wird“) In
dieser Behauptung der einzigartigen, kosmischen Stellung und Bedeutung
 der menschlichen Seele liegt der tiefste Grund der
Wirkung, die die Platonische Akademie auf die allgemeine philosophische
 und künstlerische Kultur der Zeit geübt hat; die Gedanken,
 die Ficin hier ausspricht, klingen in Pico della Mirandolas
 Rede über die Würde des Menschen und, in höchster Kraft
und Eindringlichkeit, in Michelangelos Sonetten nach.
So sehr wir uns indes hier noch im Bannkreis Plotins und
            
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