Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

100 Die Erneuerung der Platonischen Philosophie. — Marsilius Ficinus.

seiner aesthetischen Grundlehren befinden, so leuchtet doch
schon an dieser Stelle ein neues Interesse hindurch, das auf eine veränderte,
 moderne Fragestellung hinausweist. Der Neuplatonismus
bezeichnet den allgemeinen Charakter der Lehre Ficins, aber er
erschöpft nicht ihren gesamten Gehalt und ihre geschichtliche
Bedeutung. Wenn man bisher in der Darstellung von Ficins Platonismus
 einzig bei diesem Zuge verweilte, so hat man darüber gerade
 die kräftigsten und fruchtbarsten Keime, die er für die Philosophie
 und Wissenschaft der Zukunft enthielt, übersehen.!) Ficins
Hauptwerk: die „Theologia Platonica de immortalitate animorum“
ist, äusserlich betrachtet, freilich nichts anderes als ein Kompendium
 der metaphysischen Unsterblichkeitsbeweise, die
hier so ausführlich und vollständig wie an keiner anderen Stelle
der Geschichte der Philosophie, dargestellt und erörtert werden.
Schon die geschichtlichen Anfänge des Unsterblichkeitsproblems
aber müssen uns darüber belehren, dass die Wege und Schicksale
 dieser Frage mit den Grundfragen der Theorie des Erkennens
aufs engste verknüpft und verschwistert sind. Der Phaedon enthält
 zugleich die eingehendste und umfassendste logische Grundlegung
 der Ideenlehre, die Platon gegeben hat. Hier zuerst wird
das „reine Denken“ in seiner Selbständigkeit und Kraft erkannt
und von allen anderen psychologischen Instanzen geschieden.
Der Gedanke der Unsterblichkeit wird zum Vehikel für die
Entdeckung der Ursprünglichkeit der Denkfunktion und für
ihre scharfe Abgrenzung gegen die unmittelbare sinnliche Empfindung
 und Wahrnehmung. Die moderne Auffassung ist, wie
wir sehen werden, schon von den Zeiten der Renaissance an darauf
 gerichtet, diesen geschichtlichen Zusammenhang zwischen
metaphysischer und erkenntnistheoretischer Fragestellung zu
lockern. Dennoch behauptet er sich bis weit über die Anfänge
der neueren Philosophie hinaus und noch bei Descartes lässt sich
seine Kraft und Wirksamkeit beobachten. Es begreift sich hieraus,
 dass Ficins Lehre auch dort, wo sie einzig ihr metaphysisches
 Hauptziel zu verfolgen scheint, indirekt dennoch in die
Geschichte des Erkenntnisproblems eingreift. Vor allem bleibt
es Ficins Verdienst, dass er zuerst die Platonische Lehre von der
„Wiedererinnerung“ der Folgezeit rein und vollständig überliefert
 und dass er damit der modernen Entwicklung des Be-
            
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