Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

102 Die Erneuerung der Platonischen Philosophie. — Marsilius Ficinus. 
greift in Wahrheit nur das, was mit ihm von derselben Natur ist 
und was es aus seinem eigenen Grunde hervorbringt. Dies gilt 
nicht nur von den höheren geistigen Tätigkeiten, sondern bereits 
von der einfachen Sinneswahrnehmung: schon in ihr wird 
das Bewusstsein nicht einzig von den Körpern draussen bestimmt, 
sondern gibt sich selbst seine Form. „Wie ein lebendiger Körper 
durch in ihm selbst gelegene Samen sich wandelt, sich fort- 
pflanzt, sich ernährt und aufwächst, so urteilt der Geist und der 
innere Sinn kraft eingeborener Formen, die von aussen zur Tätig- 
keit angeregt werden, über alle Dinge“. Der Inhalt des Bewusst- 
seins ist daher nicht sowohl ein Abbild des äusseren Objekts, 
wie eine Ausprägung unseres eigenen geistigen Vermögens: wie 
denn ein und dasselbe Objekt uns verschieden erscheint, je nach- 
dem diese oder jene seelische Kraft, je nachdem der Sinn, die 
Phantasie oder die Vernunft es betrachtet und gestaltet. „Das 
Urteil folgt der Form und Natur des Urteilenden, nicht des be- 
urteilten Gegenstandes“. Schon die „Bilder“ der Einzeldinge, 
die die Phantasie entwirft, sind nicht unmittelbar von diesen 
selbst dem Geiste aufgedrückt und „eingebrannt‘“: — so müssen 
wir um so mehr in den reinen, intellektuellen Begriffen nicht die 
Kopien einer äusseren Wirklichkeit, sondern die Erzeugnisse der 
Kraft des Verstandes erkennen. Es ist vergeblich, den Gehalt 
dieser Begriffe von den sinnlichen Wahrnehmungen und Bildern 
ableiten zu wollen: denn wie könnte das sinnliche „Phantasma“ 
etwas hervorbringen, das freier und umfassender wäre, als es 
selbst? Die Körperwelt bildet eine beziehungslose Mehrheit be- 
sonderer und eingeschränkter Einzelobjekte: diese aber können für 
sich betrachtet niemals einen reinen geistigen Inhalt erschaffen, 
der die ihnen allen gemeinsame Natur wiedergäbe und reprä- 
sentierte, Und was den Elementen in ihrer Besonderung versagt 
ist, das vermag auch ihre Summe niemals zu leisten. Denn 
auch die Zusammenfassung zu einem Aggregat ergibt uns immer 
nur wieder verstreute Glieder ohne bestimmte gesetzliche Ordnung 
und Verknüpfung. „Wie aus einer Ansammlung von Steinen 
nichts wahrhaft Einfaches, sondern ein blosser Haufen entsteht, 
so kann die Menge der Einzeldinge wohl ein verworrenes Bei- 
sammen von Bildern, nicht aber den einen und einfachen Begriff 
erzeugen.“ Mit Klarheit und Entschiedenheit wird die sensua-
	        
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