Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die Reform der Aristotelischen Psychologie. 
fassung der „Eindrücke“, so müssen die allgemeinen Prinzipien, 
die als Voraussetzungen jeder syllogistischen Beweisführung an- 
zuerkennen und zu Grunde zu legen sind, selbst aus der Induk- 
tion hervorgehen und in ihr ihre letzte Rechtfertigung suchen. 
Und wie hier die Gebilde des Denkens als ein Produkt und Er- 
gebnis der Sinneswahrnehmung verstanden werden, so ist allge- 
mein die reine „Form“ notwendig auf die „Materie“ bezogen und 
erhält nur in ihr ihren Halt und ihre Ergänzung. Die Seele ist 
nichts anderes, als die Einheit, in der alle Lebensvorgänge 
des Körpers sich zusammenschliessen: eine Kinheit, die gemäss 
den Grundvoraussetzungen des Systems zugleich als der allge- 
meine Zweck gedacht wird, dem alle einzelnen Bewegungen zu- 
streben, wie als die wirkende Ursache, die sie aus sich her- 
vorgehen lässt. Die Erklärung, nach der die Seele „die erste 
Entelechie eines natürlichen Körpers ist, dem dank seiner Orga- 
nisation die Fähigkeit zu leben zukommt“ (SvteAdyeım % mpOTN 
S@OPLATOG QuaLKob Buvdıeı Zwhy Eyovtoc) bringt dieses Wechselverhältnis 
zum scharfen und eindeutigen Ausdruck. Die Seele bedeutet nur 
das Prinzip, das die manniglachen biologischen Prozesse re- 
guliert und sie einer gemeinsamen individuellen Bestimmung 
zuführt und einordnet. Ohne die physischen Körper würde sie 
daher des notwendigen Materials ermangeln, an dem allein sie 
ihre Funktion betätigen kann. Eine losgelöste Wirkung wie ein 
abgesondertes Sein des Seelischen bleibt innerhalb dieses Zu- 
sammenhangs unverständlich. 
Mit diesem Gesichtspunkt aber, der aus der Aristotelischen 
Entwickelungslehre stammt, tritt das schliessliche Ergebnis 
seiner Erkenntnistheorie in einen eigentümlichen Widerstreit. 
Dem „wahrhaften Sein“ der Platonischen Idee hatte Aristoteles 
das Dasein und die individuelle Bestimmtheit der besonderen 
Objekte entgegengesetzt. In seiner Definition des Wissens aber, 
im Begriff der &xot71u.%, bleibt er vom Grundgedanken der Ideenleh re, 
den er Ireilich nicht in reiner, unvermischter Gestalt festzuhalten 
weiss, dennoch mittelbar abhängig. Die Prinzipien des Wissens, 
sein Gegenstand und seine Aufgabe liegen lediglich in allge- 
meinen Begriffen und Sätzen. So entsteht der Grundwiderspruch, 
der das System in zwei völlig unvergleichbare Hälften spaltet und 
der in allen seinen Phasen und Teilen in irgend einer Form zum
	        
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