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Die Reform der Aristotelischen Psychologie.
rung. Die „Abtrennung“ der Idee von den Einzeldingen, wie er
sie bei Platon annimmt, hat Aristoteles verspottet und bekämpft:
aber an Stelle des logischen Unterschiedes, der hier doch immer
bestimmend blieb, tritt bei ihm die Behauptung des aktiven In-
tellekts als eines gesonderten und losgelösten Organs der Seele.
(ymwprotic xal dradhc Kal dyıyhe)., Und während insbesondere die
späteren Platonischen Dialoge sich bemühen, Idee und Erschei-
nung, Intellekt und Sinnlichkeit in durchgängiger Correlation
zu einander zu fassen, endet das System der Entwickelung mit
einem dualistischen Gegensatz: mit einem Sein, das durch die vor-
angehenden Stufen nicht stetig vermittelt und bedingt ist, sondern
sie prinzipiell überragt und ihnen abgeschlossen und unabhängig
vorangeht.
Zu weiterer Bestimmung gelangt dieser Gegensatz bei den ara-
bischen Commentatoren des Aristoteles, deren Lehre Averro&s im
12. Jahrhundert zusammenfasst und endgültig fixiert. Passiver
und aktiver Intellekt verhalten sich wie Materie und Form, wie
Potenz und Akt; während der erstere die Fähigkeit besitzt, Alles
zu werden und alle Formen der Dinge nacheinander in sich auf-
zunehmen, kommt dem letzteren das Vermögen eigener und schöpfe-
rischer Wirksamkeit, damit aber zugleich die Möglichkeit einer
selbständigen Existenzweise zu. Indem indes der tätige Geist allen
Schranken und Bedingungen des sinnlichen Daseins entrückt wird,
fällt damit auch seine individuelle Begrenzung hinweg. Er
ist eine ursprüngliche identische Einheit, an der die verschiedenen
Individuen in mannigfacher Weise teilhaben, die aber selbst
über jede Vielheit und Verschiedenheit erhaben ist und getrennt
von ihr existiert. Ein und dieselbe Denkkraft ist es, die sich
bald auf dieses, bald auf jenes Individuum herabsenkt und die
sich in ihm, je nach den besonderen Bedingungen seiner Organisa-
tion, betätigt. Man hat diese Lehre, um sie verständlich zu machen,
mit modernen idealistischen Systemen, vor allem mit Male-
branches Gedanken der Einen, göttlichen und unpersöulichen
Vernunft, die alle Menschen gleichmässig erleuchtet, verglichen.?)
Die eigentümliche geschichtliche Gestalt des Averroismus aber
wird durch derartige Analogien nicht getroffen. Malebranches
Lehre entsteht im vollen Lichte der neueren Philosophie und
ruht auf ihrer Grundüberzeugung, dass der echte Anfang der For-