Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Der Averroismus. 
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schung nicht im Sein, sondern im Wissen zu suchen ist. Die 
Schwierigkeit der Averroistischen Anschauung dagegen liegt für 
jeden modernen Beurteiler in der völligen Umkehrung dieses 
Grundverhältnisses. Von einem fertigen und bestimmten Bilde 
der Welt wird ausgegangen, um von ihm aus dem Intellekt 
seine Sonderstellung zuzu weisen. Die kosmologische Anschauung 
der verschiedenen himmlischen Sphären, deren jede durch 
einen stofflosen und ewigen Beweger im Kreise herumgeführt wird, 
liegt überall zu Grunde. Noch ehe irgend eine Untersuchung 
äber die Erkenntnis, ihre Eigenart und ihre Bedingungen vor- 
angegangen ist, ist bereits diese physische Leistung der „reinen 
Intelligenzen“, ihre Fähigkeit, den Lauf der Gestirne zu regeln, 
ohne selbst durch die Gemeinschaft mit ihnen einen Einfluss 
und eine Rückwirkung zu erfahren, festgestellt. Der aktive In- 
tellekt, die Eine Denkkralt, die in allen Individuen gleichmässig 
wirkt, ist nur die letzte und niedrigste dieser seelischen Kräfte, 
die den Umschwung des Himmels beherrschen. Der menschliche 
Verstand wird zur vereinzelten kosmischen Potenz, die sich 
der hierarchischen Gliederung des Alls und seiner Kräfte einfügt.?s) 
So wird hier der Intellekt, um ihn über die empirische Bedingt- 
heit hinauszuheben, zu einer überpersönlichen Wesenheit jenseit 
alles besonderen Bewusstseins gemacht; auf der anderen Seite aber 
ist er dennoch mit der Gesamtnatur verschmolzen und in sie als 
Bestandteil ein- und untergegangen. 
Aus diesem Hauptmangel der Averroistischen Ansicht erklärt 
sich die Bedeutung, die die gegnerische Auffassung, die an den 
Commentar des Alexander von Aphrodisias anknüpft, mit 
Beginn der neueren Zeit überall gewinnt?) Während der Streit, 
von aussen gesehen, sich auf das Problem der Unsterblichkeit 
beschränkt, die von den Alexandristen geleugnet, von den Aver- 
roisten nicht den Individuen, wohl aber dem allumfassenden täti- 
gen Verstand zugestanden wird, liegt das tiefere Motiv des Gegen- 
satzes in der verschiedenen Grundauffassung der Erkenntnis. 
Pietro Pomponazzis Werk über die Unsterblichkeit sucht die 
Frage nach dem Sein und dem Ursprung des Intellekts wieder auf 
ihr eigenes Gebiet zurückzuführen: nicht aus allgemeinen meta- 
physischen Voraussetzungen, sondern aus rein psychologischen 
Erwägungen soll sie beantwortet werden. Die Averroistische An-
	        
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