114 Die Reform der Aristotelischen Psychologie. — Pietro Pomponazzi.
sicht von der Einzigkeit und Gleichheit des Verstandes in allen
Denkenden ist — nach Pomponazzis Urteil — eine metaphysische
Phantasie, wie sie willkürlicher und absonderlicher kein Künstler
jemals ersonnen hat.%) Sie schwindet dahin, sobald man versucht,
sie an der Hand der inneren Erfahrung und Beobachtung, bei
der allein die gültige Entscheidung liegt, zu bewähren und zu recht-
fertigen. Ist einmal dieser methodische Ausgangspunkt festgestellt
so ist klar, dass die Grundtatsache, mit der wir beginnen müssen
und hinter die keine Theorie zurückzugehen vermag, die Einheit
des Bewusstseins ist. Es ist ein und dasselbe Ich, das jetzt
diesen oder jenen Sinneseindruck empfängt und das ein anderes Mal
über ihn reflektiert und sich damit zu den reinen und abstrakten
Begriffen erhebt. Nichts berechtigt uns, diesen Unterschied zweier
Leistungen zu einem realen Gegensatz zweier Substanzen um-
zudeuten, die im denkenden Individuum nur wie in einer
zufälligen Verbindung zusammenträfen.®) Der echten Aristo-
telischen Ansicht nach kann es sich niemals um einen prinzi-
piellen Widerstreit zwischen Sinnlichkeit und Denken, sondern
nur um die Abgrenzung verschiedener Stufen und Phasen handeln,
die ein und derselben stetigen Entwickelung angehören und
sich in ihr wechselseitig bedingen. Das Vermögen der Wahr-
nehmung ist in der reinen Intelligenz, wie das Dreieck im Viereck
enthalten: nicht um getrennte Dinge, sondern um die Zerlegung
in begriffliche Momente und Gesichtspunkte handelt es sich. Die
Erfahrung zeigt uns überall, dass der Gedanke nur auf dem Grunde
des „Phantasma“ entstehen kann und dass er, wie abstrakt auch
sein Inhalt sein mag, als psychologischer Akt doch niemals der
sinnlichen Unterlage zu entraten vermag. Jede andere Tätigkeits-
weise, die wir uns etwa ausdenken mögen, bleibt das Gebilde
müssiger Spekulation.®) Wer eine doppelte Wirksamkeit des Intel-
lekts, wer neben seiner empirisch bekannten Funktion eine andere
annimmt, die losgelöst von den Schranken unserer sinnlichen
Erfahrung ausgeübt wird, der hat, da das Sein durch die
Tätigkeit bestimmt wird, in Wahrheit ein doppeltes Sein ge-
setzt, und neben den natürlichen Menschen, der uns allein gegeben
ist, einen zweiten, jenseitigen Menschen gestellt. In diesem Ge-
danken, avf den Pomponazzi immer von neuem zurückkommt,
spricht sich ein Motiv aus, das der philosophischen Renaissance