120 Die Reform der Aristotelischen Psychologie. — Giacomo Zabarella.
reinen Denkfunktion und in ihrer Unterscheidung von der Wahr-
nehmung an die Platonische Lehre anknüpft, stimmt auf der an-
deren Seite mit Pomponazzis psychologischem Hauptsatz, dass
auch der abstrakteste Gedanke von sinnlichen Vorstellungen und
Bildern begleitet sein muss, überein. Die beiden Ansichten, die
sich in der Philosophie der Renaissance noch wie zwei feindliche
Pole gegenüberzustehen scheinen, konnten ihre logische Ausglei-
chung erst finden, nachdem die moderne mathematische Phy-
sik ein neues Verhältnis und eine neue Correlation von Erfahrung
und Denken geschaffen hatte. —
Innerhalb der Schule von Padua, die im ganzen gleichfalls an
die Aristotelische Ueberlieferung gebunden bleibt, lässt sich eine
analoge Wendung vor allem bei Giacomo Zabarella verfolgen.
Sie tritt, wie wir sehen werden, besonders in seinen logischen
Schriften hervor, aber auch die Grundlegung der Psychologie,
die er in seinem Commentar zu Aristoteles’ Schrift über die Seele
vollzieht, zeigt den gleichen charakteristischen Kampf der ver-
schiedenen Denkmotive. Wieder beginnt Zabarella mit der
Frage, die im Mittelpunkt des Streites zwischen Averroisten und
Alexandristen steht. Ist die Seele des Menschen, als „forma in-
formans“ oder als „forma assistens“ zu denken, d. h. ist sie es,
die das Dasein und Leben des Körpers erst erschafft und consti-
tuiert, oder aber hedeutet sie eine losgelöste und selbständige Natur,
die zu dem fertigen Stoffe von aussen her hinzutritt? Ist sie,
wenn wir den Leib einem Schiffe vergleichen, ihm derart bei-
gegeben und verknüpft, wie die Gestalt des Schiffes, ohne welche
wir seine Existenz nicht zu denken vermögen, oder herrscht sie
in ihm nur wie der Steuermann, der das Fahrzeug, das seiner
Beschaffenheit und seinem Dasein nach von ihm ebenso unab-
hängig ist, wie er von ihm, nach seinem Willen lenkt und
bewegt? Besteht, mit anderen Worten, der Mensch aus einer
Zusammensetzung für sich bestehender, ungleichartiger Naturen,
oder handelt es sich, wenn wir in ihm zwei Wesenheiten unter-
scheiden, nur um verschiedene Gesichtspunkte, unter denen
unser Gedanke die einheitliche Grundtatsache des Bewusstseins
erfasst? 4’) In der Auflösung dieser Fragen hält Zabarella in
allen wesentlichen Punkten die Richtung ein, die Pomponazzi
gewiesen hatte. Schärfer und strenger noch als dieser, sucht er