Zerenzo Valla.
123
aller Barbarismen, doch darin echte sprachbildende Kraft, dass
bei ihr, in allen wesentlichen Hauptzügen, Ausdruck und Gedanke
in Einklang gesetzt und erhalten sind. Wortbildungen wie en-
tHitas, quidditas, haecceitas, über die die humanistische Gelehr-
samkeit so witzig und treffend zu spotten weiss, bezeichnen den-
noch deutlich die Denkart, aus der sie hervorgegangen sind; die
Vorherrschaft der abstrakten Substantiva ist charakteristisch
für eine Auffassung der Natur und des Geistes, der alle Eigen-
schaften und Tätigkeiten sich in dingliche Substanzen ver-
wandeln. Aus diesem Wechselverhältnis zwischen Begriff und
Wort, auf das schon Leibniz in der Abhandlung über den phi-
losophischen Stil des Nizolius hingedeutet hat, erklärt es sich,
dass die Kritik des Stils in der Renaissance zu einer philosophi-
schen Aufgabe erhoben werden kann und dass ihre Ergebnisse
mittelbar zur Kritik der Erkenntnis mitwirken. —
Das Werk, bei dem dieser Zusammenhang sich zuerst dar-
stellt, sind Lorenzo Vallas „Dialektische Disputationen“. Um
dieser Schrift gerecht zu werden, muss man sie nicht nach den
Neuerungen beurteilen, die sie am Inhalt der Logik vollzieht.
Wenn YValla die Aristotelische Kategorienlehre durchmustert, wenn
er die Zahl der Kategorien von Zehn auf Drei herabsetzen und das
konkrete Einzelding an die Spitze gestellt sehen will, so liegt in
solcher Vereinfachung kein sachlicher Fortschritt. Was an dem
Werke neu und original ist, ist nicht sein wissenschaftlicher Ge-
halt, sondern die Stimmung, aus der es entsprungen ist und das
persönliche Pathos, das in ihm zum Ausdruck kommt, Vallas
Angriff auf die Logik seiner Zeit ist nur aus dem Ganzen seiner
Leistungen und seiner Persönlichkeit zu begreifen. Ihm ist die
Philologie nicht Selbstzweck, nicht in sich abgeschlossene und
selbstgenügsame Gelehrtenkultur, sondern sie bedeutet ihm über-
all das Grundmittel zur Entdeckung der lebendigen, geistigen
Wirklichkeit. Sie wird ihm zum Fundament und Instrument
der Kritik, die er nach allen Richtungen und auf allen Gebieten
betätigt. Ob er die Fehler der Vulgata oder die Widersprüche
der geschichtlichen Ueberlieferung in Livius’ Römischer Geschichte
aufdeckt, ob er der Entstehung der Constantinischen Schenkungs-
urkunde oder des kirchlichen Symbols nachgeht: stets ist es nicht
sowohl die Sache selbst. als die Freude an der kritischen Betäti-