Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

126 Die Auflösung der scholastischen Logik. — Lodovico Vives,

ist es wiederum die Reinheit der Sprache, die als Prüfstein und
Kriterium hingestellt wird. Schon aus dem Namen der Dialektik
geht hervor, dass sie „Wissenschaft der Rede“ (scientia de sermone)
sein will. Von welcher Art der Rede aber handelt die schulmässige
Logik und Disputierkunst? Bezieht sie sich auf die französische
oder spanische, auf die gotische oder vandalische Sprache? „In
der Tat eine wunderbare Dialektik, deren Sprache, die sich selbst
für Latein ausgibt, Cicero, wenn er jetzt auferstehen könnte, nicht
verstehen würde!“ Die Erfindung willkürlicher Worte und Wendungen,
 die im Gegensatz zum herrschenden Gebrauch stehen, ist
ein nicht geringerer Fehler in der Logik, als in der Grammatik und
Rhetorik. Denn alle diese drei Wissenschaften der Rede haben
ihre Schranke und ihren gültigen Maassstab an der lebendigen
Sprache, die sie nicht selbständig erfinden und nach ihrem Belieben
 meistern können. „Denn zuerst bestand die lateinische oder
griechische Sprache; dann erst wurden in ihr grammatische, rhetorische,
 dialektische Formen beobachtet, nach denen indes die
Sprache nicht willkürlich umgemodelt wurde, sondern die vielmehr
der Sprache folgen und sich ihr anpassen mussten.“ So sucht
Vives, wie vor ihm Valla, das Correktiv gegen die unfruchtbaren
Subtilitäten der Scholastik in dem‘ Rückgang auf das natürliche
psychologische Denken des Menschen, das ihm freilich ohne
weiteres mit dem natürlichen Sprachgebrauch zusammenfällt.
Die Dialektik, als eine Wissenschaft der Zeichen, darf nicht zum
Selbstzweck entarten; sie kann ihren Wert und ihr relatives
Recht nur zurückgewinnen, wenn sie sich bescheidet, als Mittel
und Vorbereitung der Gegenstandserkenntnis zu dienen.
Töricht aber wäre es, seine Zeit mit der Bereitung und Verbesserung
 des Instruments zu vergeuden, statt alsbald an das
Werk selbst heranzutreten, zu dessen Gebrauch es geschaffen ist.
„Was würde man wohl zu einem Maler sagen, der sein Leben
damit hinbrächte, den Pinsel zurecht zu machen und die Farben
zu reiben; was zu einem Schuster, der nichts anderes täte, als
die Nägel und Pfriemen und sein sonstiges Handwerkszeug zu
schärfen!“ 47)
Die gedankliche Stimmung und Tendenz, die aus diesen
Sätzen spricht, ist freilich nicht nur der hergebrachten Logik
sondern nicht minder jedem Versuch einer Zergliederung und
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.