Die Kritik der Ontologie,
127
Prüfung der Erkenntnis feind. In Vives’ systematischem Haupt-
werk „de disciplinis“ wird daher jede allgemeine Theorie, die
den besonderen positiven Lehren vorausginge und sie begründete,
ausdrücklich abgewiesen. Als der Grundfehler des Aristoteles gilt
es hier, dass er in der Dialektik das sachliche Fundament, den
Maassstab der Wahrheit oder Falschheit aller wissenschaftlichen
Urteile sieht: ein Irrtum, der allerdings verzeihlich gefunden wird,
weil er durch keinen Geringeren als durch Platon verschuldet
sei. Die Aufgabe, die von beiden der Logik gestellt wird, aber
vermag in Wahrheit nur die Gesamtheit der Einzelwissen-
schaften zu erfüllen und zu lösen. Die Wissenschaften müssen
sich ihre Grundlagen selbst geben; denn welche andere Dis-
ziplin z. B. versichert mich der Wahrheit des Gesetzes, dass sich
aus zwei spitzen Winkeln ein rechter bilden lässt, als die Geo-
metrie? Aristoteles selbst hat die Hauptkategorien, die er an die
Spitze stellt, in Wahrheit nicht der Logik als solcher, sondern
seiner Metaphysik und ersten Philosophie entlehnt. Die Ein-
teilung in die zehn Klassen ist bei ihm völlig willkürlich und
erklärt sich nur aus einer Nachwirkung, die die Philosophie der
Pythagoräer und Megariker auf ihn geübt. So beruht überall
der scheinbar allgemeine und formale Gehalt, den die Dialektik
entwickelt, in Wahrheit auf versteckten sachlichen Voraussetzun-
gen, die sie den realen Wissenschaften entnimmt. Weil er diesen
Zusammenhang verkannte, musste Aristoteles das wahre Eintei-
lungsprinzip der Logik verfehlen; die Kategorien sind bei ihm
nicht nach der Ordnung der sinnlichen Erfahrung und
der Erkenntnis, sondern nach der angeblichen Ordnung der
absoluten Dinge gegliedert. Wie aber könnte diese Wesenheit
der Dinge den Maasstab bilden, wie liesse sich behaupten, dass
die Begriffe unseres Verstandes ihr entsprechen müssten, da sie
uns doch niemals an und für sich bekannt und gegeben ist? Hätte
Aristoteles die Rangordnung des Wissens streng eingehalten, so
hätte er nicht mit der Substanz, sondern mit den „Inhaerenzen“,
mit den Beschaffenheiten und Eigenschaften beginnen müssen ;*®)
denn nicht das unbedingte Sein des Gegenstandes, sondern nur
die verschiedenen empirischen Bestimmungen, die uns in der Er-
scheinung gegeben sind, bilden den eigentlichen Anfang der Er:
Yenntnis.