Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die Kritik der Universalien. 
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So bereitet Francesco Pico die empiristische Kritik des 
Aristotelismus vor, die sich kurz nachher bei Marius Nizolius 
vollzieht. Wiederum ist hier die Grundabsicht darauf gerichtet, 
die Voraussetzungen und Notwendigkeiten des Wissens rein und 
unabhängig von den ontologischen Nebengedanken über das un- 
Ddedingte Sein zu gewinnen und zu begründen. Die Realität 
der Gattungsbegriffe, die von der Peripatetischen Lehre über- 
all ausdrücklich oder stillschweigend vorausgesetzt ist, bedeutet 
eine für die Erkenntnis selbst völlig willkürliche und un- 
fruchtbare Annahme. Sie bildet ein Hemmnis für den Aufbau 
und die Behandlung der Tatsachenwissenschaft, wie für die Be- 
gründung der syllogistischen Regeln und Vorschriften. Was 
hier wahrhaft erfordert wird, ist nicht ein abgelöstes allgemeines 
„Sein“, sondern nur die allgemeine Bedeutung, die wir be- 
stimmten Gebilden des Denkens im Unterschiede von anderen 
zusprechen, Den Quell und Ursprung dieses eigentümlichen 
Wertes blosszulegen, ist die wesentliche Aufgabe, die Nizolius der 
Logik und Erkenntnislehre stellt.?) Die herkömmliche Theorie 
der „Abstraktion“, die aus der Voraussetzung einer sachlichen 
Ueber- und Unterordnung der Gattungsbegriffe und „Formen“ 
geflossen ist, ist unvermögend, die echte methodische Funktion 
des Begriffs zu erschliessen. An ihre Stelle tritt ein neues gedank- 
liches Verfahren, das als „Comprehension“ bezeichnet wird. Der 
Gattungsbegrift „Mensch‘“ kommt nicht derart zustande, dass wir 
an allen Einzelexemplaren die besonderen Bestimmtheiten weg- 
lassen und auf diese Weise eine letzte gemeinsame „Natur“, die 
über und ausser den individuellen Merkmalen stände, zurück- 
behalten; er ergibt sich, wenn wir alle Erfahrungen, die sich an 
den Individuen bewahrheitet haben, mit einem einzigen Blicke 
überschauen und in einen abgekürzten sprachlichen Ausdruck 
zusammenzichen. Alle Urteile, in welche ein Allgemeinbegriff 
als Subjekt eingeht, sind daher nichts anderes, als eine Summie- 
rung von Aussagen über Einzeldinge: in diesen allein liegt ihre 
Gewähr und ihr letztes Fundament. Gehen wir umgekehrt vom 
Allgemeinen zum Besonderen fort, so handelt es sich niemals 
darum, das Prädikat mit logischer Notwendigkeit aus dem Inhalt 
des Subjektbegriffs abzuleiten: sondern nur darum, von einem 
grösseren Umfang auf einen kleineren zu schliessen, von einem 
AN
	        
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