Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

„3 Die Erneuerung der Natur- und Geschichtsansicht.

liche Entwicklung, in der die Menschheit zu einem neuen geschichtlichen:
 Bewusstsein ihrer selbst gelangt, führt auch das
neue Bild der Natur herauf. Auch in den persönlichen Beziehungen
 und Verhältnissen spiegelt sich dieser allgemeine Zusammenhang
 wider: und hier ist es insbesondere der deutsche
Humanismus, in dem sich das Interesse an der Wiedererweckung
der gelehrten Kultur mit den selbständigen Anfängen exakter
Forschung und Beobachtung aufs engste verbindet, Georg
Peurbach, der bedeutendste deutsche Astronom des 15ten
Jahrhunderts ist der Erste, der, an der Universität Wien, Vorlesungen
 über Virgils Aeneis, sowie über Juvenal und Horaz hält.
Sein Schüler Regiomontan geht auf Veranlassung Bessarions
nach Rom und empfängt hier die entscheidende Anregung, das
Grundwerk der antiken Astronomie, den Ptolemaeischen Almagest,
aus dem Original wiederherzustellen und kritisch zu erneuern.
Nach seiner Rückkehr ist er der wissenschaftliche Führer des
Nürnberger Humanistenkreises, in dessen Mittelpunkt Willibald
Pirkheimer steht und aus dem später die ersten Herausgeber
des Grundwerks des Copernicus hervorgehen.
Diese Gemeinschaft und Verschwisterung der beiden verschiedenen
 grossen Gedankenkreise ist freilich nicht von Anfang
an gegeben, sondern muss sich erst allmählich im Kampfe der
beiden Richtungen herstellen und durchsetzen. In der Tat bieten
die ersten Anfänge des Humanismus mit ihrem ausschliesslichen
Interesse für die Echtheit der philologischen Ueberlieferung nicht
sowohl die Ergänzung, wie das Widerspiel zum Geiste der empirischen
 Forschung dar. Während für Kepler bereits die volle
Einheit und Harmonie der Natur- und Geschichtsbetrachtung charakteristisch
 ist, wird von Leonardo da Vinci noch vor allem
der Gegensatz gegen das einseitige humanistische Bildungsideal
empfunden und ausgesprochen. Die Versöhnung bahnt sich auch
hier in der Platonischen Akademie an, in der zuerst die
philologischen Interessen durch den Ausblick auf das philosophische
 Ziel, dem sie dienstbar gemacht werden, erweitert
und vertieft werden. Vor allem ist es die Streitschrift Giovanni
 Picos gegen die Astrologie, in der die beiden Problemgebiete
 einander gegenübertreten und sich mit einander in
Einklang zu setzen versuchen: ein Versuch, der nicht minder
            
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