152 Die Erneuerung der Natur- und Geschichtsansicht.
über die Naturanschauung des Quattrocento, ja über die eigene
Grundansicht hinaus, die sich in seinen übrigen Schriften aus-
spricht.) Hier wird er wahrhaft zum Führer und ‚Lehrer der
Folgezeit, wie denn kein Geringerer als Kepler sich in seiner
Kritik der Astrologie auf ihn als Vorgänger beruft.) Die Him-
melskörper besitzen keine „dunklen Qualitäten“, vermöge deren
sie geheime Wirkungen in der Welt des Irdischen hervorzubringen
imstande wären: vielmehr fliessen alle diese Gaben und Fähig-
keiten aus den innersten Prinzipien und Formen der Körper selbst.
Nicht in übersinnlichen Einwirkungen, sondern in den natür-
lichen Kräften des Lichtes und der Wärme äussert sich aller Ein-
fluss, den die oberen Sphären auf uns ausüben.%) Die Astrologie
hingegen bemisst die Wirksamkeit der Planeten nicht nach den
realen Verhältnissen ihrer räumlichen Entfernung, sondern nach
ihrer Stellung in den verschiedenen „Zeichen“ und „Häusern“ des
Himmels; sie macht damit eine willkürliche Fiktion, die nur
zum Zweck übersichtlicher Einteilung geschaffen ist, zur Bedin-
gung und zum Maassstab des tatsächlichen Naturgeschehens. Die
Begriffe, die von den Mathematikern als notwendige Mittel und
Methoden der Messung eingeführt sind, werden zur Voraussage
des Künftigen missbraucht, als wären sie selber Objekte der
Natur und mit wirklichen Kräften begabt.8)
Und wie hier die Notwendigkeit des Geschehens nicht
geleugnet, sondern ihrem reinen und echten Begriff nach er-
kannt wird, so ruht auch der Begriff der Willen sfreiheit, den
Pico der Astrologie entgegenhält, auf gleichem Grunde. Nicht ein
jenseiliges Sein und eine jenseitige Vorherbestimmung, sondern der
empirische Charakter des Menschen und die sittlichen Ein-
flüsse, die auf ihn einwirken, sind es, die sein Wollen und sein
Tun bestimmen. Nicht am Himmel, sondern in sich selbst muss
der Einzelne den Grund seines Geschickes lesen: die Seele ist
des Menschen Dämon. So verdankt ein grosser Denker, wie Aristo-
teles, seine Leistungen und sein Talent nicht dem Stern, unter
dem er geboren, sondern dem eigenen Genius, den er unmittelbar
von Gott empfangen, wie der sittlichen Energie, die er an seine
Ausbildung gewandt: „sortitus erat non astrum melius, sed inge-
nium melius; nec ingenium ab astro, si quidem incorporale, sed a
Deo sicut corpus a patre, non a coelo“. Je strenger indes jeder