Die Freiheit des Willens.
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transscendente Eingriff abgewiesen wird, um so helleres Licht fällt
nunmehr auf die psychologischen, ja auf die körperlichen
Ursachen, die unser Handeln einschränken und bedingen.®) Der
Freiheitsgedanke, wie er hier verstanden wird, ist nicht der Gegen-
satz, sondern das Korrelat zum Gedanken der empirischen Ver-
arsachung. Bestimmter tritt sein Sinn und seine Tendenz in Picos
Rede über die „Würde des Menschen“ hervor, die im engsten Zu-
sammenhang mit der Schrift gegen die Astrologen zu denken und
zu deuten ist. Hier besitzen wir die positive Ergänzung und Er-
füllung der Gedanken, die uns bisher in polemischer Gestalt und
Wendung entgegengetreten sind. Um den eigentlichen Vorrang
des Menschen zu bezeichnen, ist es, wie hier ausgesprochen wird,
nicht genug, in ihm das Verbindungsglied zu sehen, das Hohes
und Niederes, das die sinnliche und die intelligible Welt ver-
knüpft und sich somit zum Mittler und Dolmetsch des Alls macht.
Denn welche ausgezeichnete uud zentrale Bedeutung ihm hier auch
zugesprochen zu werden scheint: sie bleibt hinter seinem eigent-
lichen Werte zurück, solange man sie nur als von aussen gegeben,
nicht als durch ihn selbst erwählt und erworben ansieht. Der
einzigartige Wert des Individuums wurzelt darin, dass es nicht,
wie die andern Dinge, atı einen einzelnen festen Platz im All ge-
bunden ist, sondern sich selbst seine Stellung im Universum be-
stimmt und den Standort seiner Betrachtung anweist. In seine
zigene Hand ist es gegeben,. welcher Art des Daseins und des
Lebens es angehören will. „Mitten in die Welt“ — so spricht der
Schöpfer zu Adam — „habe ich Dich gestellt, damit Du um so
leichter um Dich schauest und sehest alles, was darinnen ist. Ich
schuf Dich als ein Wesen, weder himmlisch noch irdisch, weder
sterblich noch unsterblich, damit Du selbst als Dein eigener freier
Bildner und Ueberwinder Dir Deine Form gebest und aufprägst.
Du kannst zum Tier entarten oder in selbsttätiger Entschliessung
zum Göttlichen Dich wiedergebären. Die Tiere bringen aus dem
Mutterleibe mit, was sie haben sollen; die höheren Geister sind
von Anfang an oder doch bald danach, was sie in Ewigkeit bleiben
werden. Du allein hast eine Entwickelung, ein Wachsen nach
{reiem Willen, Du hast Keime eines allartigen Lebens in Dir“.®)
So sehen wir, wie bei demselben Denker, der zuerst zur
«trengeren Auffassung der Naturkausalität sich erhebt, zugleich