156 Die Erneuerung der Natur- und Geschichtsansicht.
bala bezeichnet wird, einzumünden. Der historische Gesichts-
kreis weitet sich, indem neben der antiken Literatur die hebräi-
schen Quellen herbeigezogen und mit ihr zu einem universalge-
schichtlichen Gesamtbild vereint werden. Bei all ihrem Scharf-
sinn und ihrer allumfassenden geistigen Begabung hätten die
Griechen nicht das Höchste zu erreichen vermocht, wenn nicht
Pythagoras die ersten Keime der wahren Philosophie vom Orient
empfangen hätte. „So darf auch er, der diese Keime zuerst auf-
nahm, mit vollem Rechte ein Cabbalist heissen, wenngleich er
zuerst den unbekannten Namen der Cabhala mit dem griechi-
schen Namen der „Philosophie“ vertauscht hat“.%) Alle Geistes-
geschichte wird demnach wie eine einzige fortlaufende Tradition,
wie die Erklärung und Ausdeutung eines stehenden und gegebenen
Grundtextes gedacht.
Gegenüber dieser Auffassung aber erhebt sich alsbald eine
andere Betrachtungsweise, die anfangs noch ohne feste Sonderung
neben ihr einhergeht, die aber allmählich immer deutlicher zu
selbstständigem Bewusstsein erwacht. Der Inhalt und das Thema
der Menschengeschichte besteht danach nicht in einer fest um-
schränkten, von aussen stammenden Offenbarung: sondern in der
einheitlichen menschlichen Vernunft, die sich successiv in
mannigfachen Formen und Stufen entfaltet. Bei Plethon bereits
wird ausgesprochen, dass das Kriterium, das darüber entscheidet.
welche Lehren wir dem Ganzen der echten Veberlieferung an-
gehörig zu denken haben, allein in uns selbst zu suchen sei. Und
immer mehr kommt nun die Doppe!bedeutung zur Geltung,
die die Geschichte im Ganzen der Renaissance gewinnt, indem
sie nicht lediglich als die Schilderung eines einmaligen Tatbe-
standes, sondern zugleich als die Hülle und Darstellung eines
dauernden Gehalts gedacht wird. Schon die politische Ge-
schichtschreibung lässt diesen Grundzug deutlich hervortreten:
für die Grössten, wie Macchiavell, sind die mannigfachen histo-
rischen Schicksale der Nationen nur gleichsam eine wandelbare
und flüchtige Einkleidung, hinter der, klar erkennbar, das immer
gleiche, empirische Grundwesen des Menschen hindurchleuchtet.
„Geschichte“ in ihrem eigentlichen wissenschaftlichen Wortsinne,
in dem sie auf das causale Verständnis des Geschehens ausgeht,
ist daher nichts anderes, als angewandte Psychologie. Der gleiche