Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die ethische Bedeutung der Skepsis. 
171 
ethischen Leitgedanken in sich. Ihr Endzweck ist die „Ataraxie“: 
durch die Abwendung von allen absoluten Zielen soll der Geist 
in sich selbst zu einem festen Gleichgewichts- und Ruhepunkt 
gelangen, der durch den Wandel der äusseren Dinge nicht mehr 
berührt wird. Was alles Streben nach Erkenntnis nicht ver- 
mochte, das leistet der selbstbewusste und freiwillige Verzicht. 
Indem der Zweifel alle besonderen, autoritativen Normen ihres 
mystischen Ursprungs entkleidet, schützt er den Einzelnen, der 
sich ihnen praktisch immerhin unterwerfen mag, davor, sich 
ihnen innerlich bedingungslos hinzugeben. Die Skepsis ist es, 
die das Individuum davor bewahrt, sich den sittlichen Maassstab 
von aussen aufdrängen zu lassen, die es, allen willkürlichen 
moralischen Konventionen gegenüber, der gedanklichen Frei- 
heit seines Urteils versichert. Die Kritik ist somit, wie sich 
immer deutlicher zeigt, nicht so sehr auf das „Gute“, wie auf 
lie relativen und wandelbaren „Güter“ gerichtet. So treten von 
Anfang an und unmittelbar neben den skeptischen Leit- und 
Hauptsätzen, die Grundmotive der stoischen Ethik in den 
Essais bestimmend hervor. Unter den klassischen Autoren, deren 
Citate sich in bunter Fülle durch das Werk verstreut finden, 
steht Seneca an erster Stelle. Wie Montaigne sein Wesen und 
seinen Stil in einem charakteristischen literarischen Portrait 
darstellt, so ‘bilden seine Schriften, zugleich mit denen des 
Plutarch, den unerschöpflichen Quell, aus dem er nach seinem 
eigenen Wort „wie die Danaiden unablässig schöpft.“ {L, 25; 1, 10: 
II, 32.) Hegels allgemeine Bemerkung, dass Skepticismus und 
Stoicismus sich notwendig auf einander beziehen und sich wech- 
selseitig bedingen, findet an Montaigne ihre charakteristische ge- 
schichtliche Bestätigung. „Das skeptische Selbstbewusstsein er- 
{ährt in dem Wandel alles dessen, was sich für es befestigen will, 
seine eigene Freiheit als durch sich selbst gegeben und erhalten; 
es ist sich diese Ataraxie des sich selbst Denkens, die unwandel- 
bare und wahrhafte Gewissheit seiner selbst.“®) Wenn im 
Theoretischen die kritische Auflösung des absoluten Gegenstands 
nicht dazu führte, eine wissenschaftliche Theorie der Erschei- 
nungen zu versuchen, wenn hier auch der Begriff des Ich 
keinen sichern Halt bot, so enthält im Sittlichen die Vernichtung 
der äusseren Normen unmittelbar die Aufforderung in sich, das
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.