Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die ethische Bedeutung der Skepsis.

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ethischen Leitgedanken in sich. Ihr Endzweck ist die „Ataraxie“:
durch die Abwendung von allen absoluten Zielen soll der Geist
in sich selbst zu einem festen Gleichgewichts- und Ruhepunkt
gelangen, der durch den Wandel der äusseren Dinge nicht mehr
berührt wird. Was alles Streben nach Erkenntnis nicht vermochte,
 das leistet der selbstbewusste und freiwillige Verzicht.
Indem der Zweifel alle besonderen, autoritativen Normen ihres
mystischen Ursprungs entkleidet, schützt er den Einzelnen, der
sich ihnen praktisch immerhin unterwerfen mag, davor, sich
ihnen innerlich bedingungslos hinzugeben. Die Skepsis ist es,
die das Individuum davor bewahrt, sich den sittlichen Maassstab
von aussen aufdrängen zu lassen, die es, allen willkürlichen
moralischen Konventionen gegenüber, der gedanklichen Freiheit
 seines Urteils versichert. Die Kritik ist somit, wie sich
immer deutlicher zeigt, nicht so sehr auf das „Gute“, wie auf
lie relativen und wandelbaren „Güter“ gerichtet. So treten von
Anfang an und unmittelbar neben den skeptischen Leit- und
Hauptsätzen, die Grundmotive der stoischen Ethik in den
Essais bestimmend hervor. Unter den klassischen Autoren, deren
Citate sich in bunter Fülle durch das Werk verstreut finden,
steht Seneca an erster Stelle. Wie Montaigne sein Wesen und
seinen Stil in einem charakteristischen literarischen Portrait
darstellt, so ‘bilden seine Schriften, zugleich mit denen des
Plutarch, den unerschöpflichen Quell, aus dem er nach seinem
eigenen Wort „wie die Danaiden unablässig schöpft.“ {L, 25; 1, 10:
II, 32.) Hegels allgemeine Bemerkung, dass Skepticismus und
Stoicismus sich notwendig auf einander beziehen und sich wechselseitig
 bedingen, findet an Montaigne ihre charakteristische geschichtliche
 Bestätigung. „Das skeptische Selbstbewusstsein er-{ährt
 in dem Wandel alles dessen, was sich für es befestigen will,
seine eigene Freiheit als durch sich selbst gegeben und erhalten;
es ist sich diese Ataraxie des sich selbst Denkens, die unwandelbare
 und wahrhafte Gewissheit seiner selbst.“®) Wenn im
Theoretischen die kritische Auflösung des absoluten Gegenstands
nicht dazu führte, eine wissenschaftliche Theorie der Erscheinungen
 zu versuchen, wenn hier auch der Begriff des Ich
keinen sichern Halt bot, so enthält im Sittlichen die Vernichtung
der äusseren Normen unmittelbar die Aufforderung in sich, das
            
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