Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

A

Der Skhepticismus. — Montaigne.

Begriff des sittlichen Selbstbewusstseins nicht zur Reife und
Vollendung zu gelangen. —
Noch einmal enthüllt sich uns schliesslich das Doppelantlitz
 der Skepsis, wenn wir uns der Kritik des religiösen
Problems zuwenden. Zwar scheint hier der Weg eindeutig vorzezeichnet:
 indem die Apologie des Raymond de Sabonde die
rationale Theologie zerstörte, indem sie alle Beweise für das Dasein
 Gottes und für eine zwecktätige Leitung des Alls in ihrer
Nichtigkeit erkennen liess, hat sie damit zugleich den Offenbarungsglauben
 als den einzigen und echten Urgrund der
Religion erwiesen. Vor ihm muss jede Frage der Vernunft verstummen:
 der Zweifel hat seine höchste Aufgabe erfüllt, wenn es
ihm gelungen ist, die fundamentalen Glaubenssätze gegen die Anfechtungen
 des kritischen Verstandes zu sichern und zu schützen.
Und dennoch bedeutet auch diese letzte und scheinbar endgültige
Antwort für Montaigne nur den Beginn einer neuen dialektischen
Entwicklung. Ueberall finden wir den Gehalt der Religion an
bestimmte menschliche Formen und Formeln gebunden und
'n ihre Mannigfaltigkeit verstrickt. Der Glaube, den wir aus
unmittelbarer göttlicher Eingebung empfangen sollten, wird in
Wahrheit durch den Zufall der Geburt, durch die Laune des
Parteigeistes und den Vorteil des Augenblicks bestimmt. Nur die
Ethik wäre imstande, ein Kriterium zu liefern, das zwischen
Jem echten Gehalt der Offenbarung und unseren willkürlichen
Zutaten unterschiede; nur in der sittlichen Rückwirkung auf die
Gesinnung und das Tun ihrer Bekenner kann die wahrhafte
Wertdifferenz der Religionen liegen. „Alle übrigen Merkmale,
Hoffnung und Vertrauen, Ceremonien und Busse, Wunderberichte
and Märtyrer sind allen Religionen gemein: das besondere Zeugnis
unserer Wahrheit müsste unsere Tugend sein, wie es zugleich
das göttlichste und schwerste ist“ (II, 12.) Diese Forderung indes
steht in unmittelbarem Widerstreit zu dem empirischen Bilde
der Religion, das Geschichte und Kultur uns allenthalben darbieten.
 Nicht der Glaube ist es, der den Menschen nach sich
gestaltet und bildet, sondern umgekehrt nimmt er alle Formen
an, die unsere persönlichen Wünsche und Leidenschaften ihm
aufdrücken. Die Einheit der verschiedenen Sekten, die im Theoretischen
 vermisst wird: — wir finden sie im praktischen sitt-
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.