2. Kap. Die primitiven Stufen 21
rettet der Fund eines Nestes mit Straußeneiern der Familie das
Leben. Wehe dem Kind, wehe dem Greis, wehe dem Kranken, die
aus Hunger und Durst und Schwäche zurückbleiben. Niemand
zümmert sich um sie, rettungslos sind sie verloren“ ».
Es handelt sich aber unter solchen Verhältnissen nicht allein
um ein Umherwandern, um neue „Jagdgründe“ aufzusuchen, wenn
der Inhalt der alten gewissermaßen aufgezehrt ist. Dieser Wander-
bewegung liegt auch häufig eine gewisse Regelmäßigkeit zugrunde,
indem der Nahrungsgewinnung wegen das Wohngebiet einem be-
stimmten jahreszeitlichen Wechsel unterliegt. Die Buschleute der
Kalahari haben entsprechend dem Wechsel von Regen- und Trocken-
zeit zwei verschiedene Bezirke, in denen sie leben. Das gilt aber
auch von Stufen, deren Lebensweise eine wesentlich höhere ist. Von
den Indianern Nordwestbrasiliens erzählt Koch-Grünberg: „Der
obere Rio Negro und seine großen Nebenflüsse .. . sind außer-
ordentlich reich an Fischen, die das ganze Jahr hindurch in be-
ständiger Wanderung begriffen sind und dadurch manche ansässigen
Stämme zu einem zeitweiligen Nomadenleben zwingen. Zur Zeit
des niedrigen Wasserstandes, in den Monaten Dezember bis März,
wenn die kleineren Zuflüsse fast austrocknen, ziehen sich die Fische
in den Hauptfluß zurück. ... Dann verlassen die Indianer ihre für
die trockene Jahreszeit weniger günstig gelegenen Dörfer und be-
geben sich mit ihrem ganzen Haushalt, mit Kindern und Hunden, an
diese fischreichen Plätze, um auf verschiedene Weise der willkommenen
Beute nachzustellen. . .. Ist der Platz ausgebeutet, so zieht die ganze
Bande weiter, Durchschnittlich bleiben die Indianer drei Monate
auf der Wanderschaft“ ?), Ähnliches hören wir von den Polarvölkern,
Von den Mongolen berichtet Ratzel, daß jeder Stamm seine jahres-
zeitliche Bewegung habe. „Im Winter erlaubt der größere Wasser-
reichtum den Gruppen, sich in geschützten Tälern zu vereinigen,
der trockene Sommer zwingt sie dann, sich über einen möglichst
weiten Raum zu zerstreuen, um alle Wasserstellen und Grasplätze
auszunutzen“. ,. . „Innerhalb der bestimmten Grenzer hängen die
Wanderungen über einen Strich Landes von 500—1000 Quadrat-
kilometern immer ab von der Temperatur, der Weide und den
Wasservorräten“ 3),
Diese kurzen Bemerkungen müssen hier genügen um darzutun,
auf welche Weise auf diesen primitiven Stufen die Menschen bestrebt
1) S. Passarge, Die Buschmänner der Kalahari, 1907, S. 73—974.
* Koch-Grünberg, Zwei Jahre unter den Indianern, 1910, 2. Bd., S. 27, 28.
3) a. a. O., S. 1490.