Die Naturphilosophie.
form derselben Kräfte, die intensiv bereits im „Samen“ einge-
schlossen sind und seine eigentliche Realität ausmachen. !!)
Einen neuen Ausdruck findet diese Grundanschauung in der
Erörterung und Kritik des Arisiotelischen Zweckbegriffs. So
schr die Naturansicht des Aristoteles verlangt, dass die „Formen“
der Dinge als die immanenten Zwecke gelasst werden, denen
sie zustreben, so wird doch diese Einsicht durch den Abschluss,
den seine Metaphysik erhält, wiederum in Frage gestellt. Denn
als der letzte Grund und als das Endziel alles Geschehens erscheint
hier der „unbewegte Beweger“, der ausserhalb der Welt und von
"'hrem Sein und Werden unberührt, ein unabhängiges Dasein führt.
Der Zweck der Entwicklung liegt somit nicht mehr in der Selbst-
verwirklichung der inneren Wesenheit der Dinge, sondern in
ainem jenseitigen Sein: der Weltbegriff hat seine Selbständigkeit an
den Gottesbegriff verloren. Dieser innere Widerstreit des Systems
ist es, an den die Polemik und die Reform des Telesio anknüpft.
Wenn alle Wandlung der Wesen in ihnen selbst nicht zum Ab-
schluss kommt, ‚wenn ein äusseres Ziel ihr Weg und Richtung
weist, so schwindet unter diesem Gesichtspunkt der Wert und die
Selbständigkeit der Einzelwesen dahin. Die Formen, sofern sie
‚individuelle Prinzipien des Wachstums und der Entwicklung
bedeuten sollen, werden zu müssigen Erdichtungen: all ihre Wirk-
samkeit löst sich in die des Einen allumfassenden Urwesens auf.
Wenn die Naturdinge in sich selbst zuletzt keine bewegende Kraft
und keinen Antrieb zur Veränderung besitzen, wenn all ihre schein-
bare Tätigkeit in Wahrheit somit nur ein Leiden ist; so fehlt
uns jedes Mittel, sie von einander zu unterscheiden und als ge-
sonderte Substanzen zu behaupten.!) Nur die reine Imma-
nenz des Zweckes vermag dem Sein seine Unabhängigkeit, wie
seine Fülle und gegliederte Mannigfaltigkeit zurückzugeben. Jede
Gattung ist um ihrer selbst willen geschaffen und besitzt in sich
den Mittelpunkt ihres Daseins und Wirkens; wenngleich alle in
stetiger Stufenfolge miteinander verbunden sind und aufeinander
hinweisen. Von den Metallen zu den Pflanzen, von diesen zu den
niederen Tieren und den Fischen und Vögeln, höher hinauf zu
den Säugetieren und Menschen führt eine beständig fortschreitende
körperliche Organisation, der wir eine entsprechende, immer rei-
chere Entfaltung in den Graden des Bewusstseins zugeordnet denken