Die Naturphilosophie. — Paracelsus.
ist zweifellos zu viel gesagt, wenn der neueste Biograph des Para-
celsus ihn in der Geschichte der Methode der Naturforschung
zu den „Grössten der Renaissance“ zählen will.?) Diese Wert-
schätzung muss den Männern vorbehalten bleiben, die in der
Mathematik das theoretische Grundmittel der Naturerkenntnis
entdeckt und bewährt haben. Dennoch haben die grossen me-
thodischen Gegensätze, die die Zeit bewegen und die auf eine neue
philosophische Grundlegung der Erfahrungswissenschaft hin-
zielen, auch bei Paracelsus ihren Ausdruck und ihren Reflex. ge-
(unden. Auch bei ihm wird gegen die Willkür der Ueberliefe-
rung und der Spekulation der alleinige Schutz und Halt in der
unmittelbaren sinnlichen Erfahrung gesucht: das Wissen
muss von der Art sein, „dass auch die Augen den verstand be-
greiffen: unnd dass es in den Ohren thöne, wie der fall des Rheins,
und dass das gethön der Philosophey also hell in den Ohren
ige, als die sausenden Winde auss dem Meer ... Ausserhalb
lieser erkandtnuss ist widerwertig alles das, das der Natur zuge-
leget und geben wirt“.2®) Gilt es somit „Sichtiges“ und „Unsich-
‘iges“ durchgehend in Eins zu fassen, jeden Begriff direkt in einer
sinnlichen Anschauung zu beglaubigen, so bleibt trotzdem eine
eigene Leistung des Verstandes in der Sichtung und Ordnung
des empirischen Stoffes anerkannt. Von der „Spekulation“ wird
die „Invention“ geschieden ??), die zwar in der Wahrnehmung
ihre feste Stütze hat, aber in ihrer Vereinzelung nicht aufgeht.
Wer sich bei der „Erfahrung“ im landläufigen Sinn des Wortes
veruhigt, wer sie der Theorie entgegensetzt: dessen Lehre reicht
nicht weiter, als die Einzelfälle, die er beobachtet hat. Wie dürfen
wir aber der besonderen Erscheinung als Solcher irgendwelche
bindende Schlusskraft zusprechen, da wir doch niemals sicher sind,
Jass die zufälligen Bedingungen, unter denen sie stand, sich jemals
völlig gleichartig wiederholen werden? ®) So ergibt sich not-
wendig ein doppelter Begriff der Erfahrung: „die eine ist des
Arztes Grund und Meister, die andere sein Irrsal und Verführung“.
Jene ist die methodische Kunst der chemischen Analyse, die zu
der Erkenntnis der drei Paracelsischen Grundsubstanzen und da-
mit zum theoretischen Grund seiner Heilkunde zurückführt, —
diese ein blosses Flickwerk zusammenhangsloser Wahrnehmungen.
Ein und dasselbe Phaenomen der Natur wandelt sich je nach dem