Der naiven Auffassung stellt sich das Erkennen als ein Pro-
zess dar, in dem wir uns eine an sich vorhandene, geordnete und
gegliederte Wirklichkeit nachbildend zum Bewusstsein bringen.
Die Tätigkeit, die der Geist hierin entfaltet, bleibt auf einen Akt
der Wiederholung beschränkt: nur darum handelt es sich, einen
Inhalt, der uns in fertiger Fügung gegenübersteht, in seinen ein-
zelnen Zügen nachzuzeichnen und uns zu Eigen zu machen, Zwi-
schen dem „Sein“ des Gegenstandes und der Art, in der er sich
in der Erkenntnis widerspiegelt, besteht auf dieser Stufe der Be-
trachtung keine Spannung und kein Gegensatz: nicht der Be-
schaffenheit, sondern lediglich dem Grade nach lassen sich beide
Momente auseinanderhalten. Das Wissen, das sich die Aufgabe
stellt, den Umfang der Dinge zu erfassen und zu erschöpfen, ver-
mag dieser Forderung nur allmählich zu genügen. Seine Ent-
wicklung vollzieht sich in den successiven Einzelschritten, in denen
es nach und nach die ganze Mannigfaltigkeit der ihm entgegen-
stehenden Objekte ergreift und zur Vorstellung erhebt. Immer
wird dabei die Wirklichkeit als ein in sich selbst ruhender fester
Bestand gedacht, den das Erkennen nur seinem gesamten Umkreis
nach zu umschreiten hat, um ihn sich in allen seinen Teilen
deutlich und vorstellig zu machen.
Schon die ersten Anfänge der theoretischen Weltbetrachtung
aber erschüttern den Glauben an die Erreichbarkeit, ja an die
innere Möglichkeit des Zieles, das diese populäre Ansicht dem
Erkennen setzt. Mit ihnen wird sogleich deutlich, dass wir es in
allem begrifflichen Wissen nicht mit einer einfachen Wieder-
gabe, sondern mit einer Gestaltung und inneren Umformung
des Stoffes zu tun haben, der sich uns von aussen darbietet. Die
Erkenntnis gewinnt eigentümliche und spezifische Züge und ge-