Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Der naiven Auffassung stellt sich das Erkennen als ein Pro- 
zess dar, in dem wir uns eine an sich vorhandene, geordnete und 
gegliederte Wirklichkeit nachbildend zum Bewusstsein bringen. 
Die Tätigkeit, die der Geist hierin entfaltet, bleibt auf einen Akt 
der Wiederholung beschränkt: nur darum handelt es sich, einen 
Inhalt, der uns in fertiger Fügung gegenübersteht, in seinen ein- 
zelnen Zügen nachzuzeichnen und uns zu Eigen zu machen, Zwi- 
schen dem „Sein“ des Gegenstandes und der Art, in der er sich 
in der Erkenntnis widerspiegelt, besteht auf dieser Stufe der Be- 
trachtung keine Spannung und kein Gegensatz: nicht der Be- 
schaffenheit, sondern lediglich dem Grade nach lassen sich beide 
Momente auseinanderhalten. Das Wissen, das sich die Aufgabe 
stellt, den Umfang der Dinge zu erfassen und zu erschöpfen, ver- 
mag dieser Forderung nur allmählich zu genügen. Seine Ent- 
wicklung vollzieht sich in den successiven Einzelschritten, in denen 
es nach und nach die ganze Mannigfaltigkeit der ihm entgegen- 
stehenden Objekte ergreift und zur Vorstellung erhebt. Immer 
wird dabei die Wirklichkeit als ein in sich selbst ruhender fester 
Bestand gedacht, den das Erkennen nur seinem gesamten Umkreis 
nach zu umschreiten hat, um ihn sich in allen seinen Teilen 
deutlich und vorstellig zu machen. 
Schon die ersten Anfänge der theoretischen Weltbetrachtung 
aber erschüttern den Glauben an die Erreichbarkeit, ja an die 
innere Möglichkeit des Zieles, das diese populäre Ansicht dem 
Erkennen setzt. Mit ihnen wird sogleich deutlich, dass wir es in 
allem begrifflichen Wissen nicht mit einer einfachen Wieder- 
gabe, sondern mit einer Gestaltung und inneren Umformung 
des Stoffes zu tun haben, der sich uns von aussen darbietet. Die 
Erkenntnis gewinnt eigentümliche und spezifische Züge und ge-
	        
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