Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Das ‚Selbstberwusstsein: 
227 
des Erkennens und seinem Inhalt’ besteht, da müsste folgerich- 
tig jede Möglichkeit der Erkenntnis aufgehoben sein. Die passive 
Aufnahmefähigkeit des Ich muss somit — wie schon bei den 
nächsten Nachfolgern Telesios erkannt war — durch die An- 
nahme einer eigenen selbsttätigen Form der „Bewegung‘“ und 
eines ursprünglichen Impulses ergänzt und berichtigt werden.) 
Wie jedem Wesen der Trieb der Selbsterhaltung angeboren ist, 
so muss es ein latentes Vermögen in uns geben, kraft dessen wir 
uns innerlich erfassen und begreifen. Das ganze Sein der Seele, 
sowie jedes erkennenden Subjekts geht in diesem Akt des Wissens 
auf: „esse animae et cujuslibet cognoscentis est cognitio sui“.%) 
Die Schranke zwischen Begriff und Existenz ist an diesem Punkte 
durchbrochen: nur „formal“ lassen sich hier Erkennen und Sein 
unterscheiden, während sie „real“ und „fundamental“ in eins zu- 
sammenfallen.5) Alle Streitfragen über das „Wesen“ der Seele 
entstehen nur daraus, dass eine falsche reflektierende Auffassung 
sich an die Stelle der ursprünglichen Gewissheit schiebt, dass wir 
„diskursiv“ und syllogistisch zu begründen suchen, was sich nur 
anschaulich erfassen lässt.®) Jede Zerlegung des Erkenntnis- 
prozesses, jede Verdoppelung in ein „Subjekt“ und ein „Objekt“ 
wird hier hinfällig. Wenn bei der Erfassung der Aussenwelt der 
Intellekt sich leidend verhält, wenn er eine innere Umformung 
seiner Wesenheit erfährt, so ist er im Akte des Selbstbewusst- 
seins dieser Bedingtheit enthoben. Dieser Akt ist uns zugleich 
„verborgen“ und „gewiss“: — das erstere, weil der Inhalt, den 
wir in ihm ergreifen, sich nicht unmittelbar nach Art der Sinnen- 
dinge vor Augen legen lässt, das zweite, weil er nichts anderes 
als der Ausdruck unseres eigenen Wesens ist, der vor jeder gegen- 
ständlichen Erkenntnis vorangehen muss.5) 
So führt die neue Fragestellung — und dies hebt sie über 
ihre lediglich metaphysische Bedeutung hinaus — zu einer inneren 
Umgestaltung in der Rangordnung des Erkennens. Verein- 
zelte Motive dieser Umbildung finden sich bereits in den ersten 
Bestimmungen des Systems. Wenn alles abstrakte Denken auf die 
Wahrnehmung der Aehnlichkeit zwischen sinnlichen Inhalten 
zurückgeführt wird, so wird dies zunächst durchaus im nomina- 
listischen Sinne verstanden: Bewegungen, die ihn gleichartig affi- 
zieren. werden vom Geist mit ein und demselben Namen belegt 
A»
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.