Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Der Begriff des Unendlichen, 
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eigenen persönlichen Lebensschicksale. Campanellas durchdringt, 
zum reinen und ergreifenden Ausdruck. 
Begrifflich wird der Uebergang ins Gebiet der Religion 
durch die Idee des Unendlichen vermittelt, die hier, wie später 
für Descartes, zum Mittel wird, um aus dem Umkreis, der 
durch den Satz des Selbstbewusstseins gezogen wurde, in das 
Bereich des absoluten Seins hinauszuschreiten. Indem der mensch- 
liche Intellekt, kraft der Notwendigkeit seiner Natur, über jede 
konkreie Gegebenheit, über jedes „Hier“ und „Jetzt“ zu unend- 
lichen Welten in Raum und Zeit hinausschreitet, beweist er 
damit unmittelbar seinen göttlichen Ursprung. Er vermöchte 
auch in Gedanken nicht über die empirische Wirklichkeit fort- 
zugehen, wenn er aus ihr allein stammte und in ihr die zu- 
reichenden Gründe seines Daseins hätte. „Welch ein Wunder, 
dass die Einbildungskraft sich ohne Flügel zum Himmel aufzu- 
schwingen und sich den gesamten Bau der Dinge zu unterwerfen 
vermag, dass sie, wenn die Bahnen der Gestirne sich ihren Be- 
zeichnungen nicht fügen, neue Epicykeln und Kreise ersinnt, 
mittels deren sie die Erscheinungen so genau bestimmt, dass es 
den Anschein hat, als passe sich der Himmel unserem Calcül an, 
als würde er durch uns nicht nur begriffen, sondern hervorge- 
bracht.“ Der Trieb ins Unbegrenzte ist Jedem von uns an- und 
eingeboren: das Wort Alexanders des Grossen, dass er den Erd- 
ball verlassen möchte, um die unendlichen Welten Demokrits zu 
erobern, ist der Ausdruck und das Sinnbild jeglichen mensch- 
lichen Strebens überhaupt.®) Allgemein bietet der Unendlich- 
keitsbegriff der logischen Beurteilung eine zweifache Seite dar, 
je nachdem er als Prinzip oder als Objekt des Denkens gefasst 
wird. Die Epoche der Naturphilosophie fasst Beispiele beider 
Betrachtungsweisen in sich. Bei Cardano findet sich der Aus- 
spruch, dass alles, was von einem begrenzten Geiste begriffen 
werden soll, selbst begrenzt sein müsse: denn zwischen dem 
Endlichen und Unendlichen findet keine Proportion, somit 
auch keine Erkenntnis statt.) Wie bei Nikolaus Cusanus, ist 
somit alles Erkennen wiederum als ein „Messen“ gedacht und 
beschrieben. Für das Problem aber, um das es sich hier han- 
delt, enthält dieser Gedanke einen Doppelsinn: sofern das Un- 
endliche das eine Mal als der Gegenstand, den es zu messen 
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